Wolkenbild von John Constable, Weymouth Bay
Merkwürdiges Wolkenbild von John Constable gemalt. 1816. Weymouth Bay.
Merkwürdiges Wolkenbild von John Constable gemalt. 1816. Weymouth Bay.

Die Bezeichnung des "Jahres ohne Sommer" geht auf das Jahr 1816 zurück, wo es vor allem im Nordosten Amerikas und im Westen und Süden Europas einen ungewöhnlich kalten Sommer mit nur wenigen Sonnentagen gab. Nach meinen Recherchen gibt es statistisch gesehen aller 150 bis 250 Jahre ein solches Ereignis, wobei es auch nur in begrenzten Regionen auftreten kann. Die folgende Beschreibung einer solchen Wettersituation (hier das Jahr 1805 betreffend) soll uns auf das Thema einstimmen:

1805 der Winter war sehr kalt. Es graßete im vorigen und Anfang dieses Jahres in einigen Ländern die Pest. Das Frühjahr war sehr ungesund fast alle Leute waren, so weit man nur hörte, mit dem sogenannten Flußfieber, viele [Leute] 6 bis 10 Wochen, geplaget. Der ganze Sommer war kalt und sehr naß, den ganzen Sommer konnte man kaum 8 gute Tage zählen. Im September war es etwas besser, daß man doch das Ehmd ordentlich bekam. Aber am Ende gabs schon starken Reifen so auch anfangs Octobers. Den 11ten Oct noch ehe, als die Nüsse und viele Aepfel abgemacht waren, schneite es gar entsezlich, daß der Boden stark bedeckt, und die Bäume so voll Schnee wurden, daß viele zerrissen, am 12ten gieng er zum Theil wieder ab. Sonntag den 13ten war es noch ärger, der Schnee war im Wald ein starcker Werkschu tief, am Morgen darauf waren Eiszäpflin an den Dächern, hernach fiel wieder Regenwetter ein.
Den 31ten 8br [Okt.] schneite es, und anfangs 9br [Nov.] waren die Nächte so kalt, daß es bereits geladene Wägen trug und waren noch sehr viele Grund birne [Kartoffeln]  auszumachen, und noch viel zu säen. Die Trauben blieben fast alle steinhart. In der Mitte des Sommers fiengen die Lebensmittel wieder an theuer zu werden. Im Oktober hat der Sack Kernen 27 bis 30 Pf.gegolten, und die Mischelfrucht von 20 bis 26 Pf.

Quelle: www.wetterzentrale.de - nach der "Hägelberger Dorfchronik des Schulmeisters Benedikt Rösch von 1788 bis 1809" [Hängelberg liegt nordöstlich von Basel]

Die Ursachen für derartige Wetteranomalien habe ich in meinem Beitrag über Extremwinter benannt. Die Hauptursache scheinen jedoch gewaltige Vulkanausbrüche zu sein, die nahe am Äquator stattfinden.** Die Auswirkungen zu kalter Sommer betreffen vor allem die Landwirtschaft (auch die Futtermittelproduktion) und den Gartenbau. Die Faktoren sind:

  • lange Kälteperiode im Winter
  • ungewöhnlich kalte Vegetationsperiode
  • verregnete Vegetationsperiode und Erntezeiten
  • trübes Wetter, wenige Sonnentage

Im Prinzip ist man solchen Wetterunbilden ausgeliefert. Die wichtigste Maßnahme, die man als Landwirt oder Kleingärtner gegen eine zu kalte Jahreswitterung tun kann, ist Vielfalt im Anbau und keine Monokultur. Im Falle eines Vulkanausbruchs wie der des Tropen-Vulkans im Jahr 1815 hätte man zudem eine gewisse Vorlaufzeit und könnte die Kultur entsprechend etwas anpassen. Denn als in Indonesien der Tambora ausbrach, was im April des Jahres 1815 geschah, wirkte sich das erst ein reichliches Jahr später in Europa aus und bescherte 1816 diesen besagten kühlen Sommer.

Auf meiner Anbauliste stünden:

  • gut vorgekeimte Frühkartoffeln (sie haben eine sehr kurze Kulturzeit, das vermeidet Krankheiten)
  • Schwarzwurzeln
  • Pastinaken, Rote Beete, im Sommer gesäter schwarzer Rettich
  • Schnellwachsende, unkomplizierte Kohlarten: Grünkohl, Brokkoli, Romanesco, Kohlrüben, Riesenkohlrabi, Spitzkohl
  • Buschbohnen und Feuerbohnen
  • einige Saubohnen (zeitige Saat)
  • Pflücksalat und Spargelsalat
  • Melde
  • Spinat im Juli gesät, Mangold
  • Erbsen (im Garten sind sie aber wenig ertragreich)
  • etwas Mais, wenn er vom 15. bis 20. April gesät werden kann (auf Splitterflächen)
  • Kürbis und Zucchini, auf Splitterflächen des Gartens; nur die robusten Cucurbita pepo - Arten verwenden
  • statt Zwiebeln viel Schnittlauch anbauen

Ungeeignet sind vor allem Gurken, Tomaten, Auberginen, Paprika, Kopfkohl, Kopfsalate, Zwiebeln in Mengen

Nutzpflanzen. Beispiele des Lichtbedarfs.

Lichtintensität in Lux. Zum Vergleich: Die Intensität des direkten Sonnenlichtes beträgt in der Mittagsstunde in Mitteleuropa etwa 30.000 bis 40.000 Lux. Unten: die minimale benötigte Lichtintensität zur Blüten- und Fruchtbildung einiger Kulturpflanzen

  • 850 bis 1.100 - Buchweizen
  • 1.100 - Erbse
  • 1.400 bis 8.000 - Mais
  • 1.800 - 2.200 - Gerste, Weizen
  • 2.400 - Bohne
  • 4.000 Rettich
nach "Kleine Enzyklopädie Land-Forst-Garten", Leipzig 1959.

** Ursachen:

Durch die Ausbrüche [tropischer Vulkane] gelangen große Mengen Aerosole in die Stratosphäre – mikroskopisch kleine Partikel, welche das einfallende Sonnenlicht reflektieren. Durch die verminderte Sonneneinstrahlung nach Vulkanausbrüchen und der damit verbundenen Abkühlung der Kontinente wird der Monsun schwächer. Das führt nicht nur zu Dürren im Sahelraum, sondern auch zu einer Südwärtsverlagerung der Tiefdruckgebiete über dem Atlantik und zu verstärkter Gewitterbildung. Dieser Vorgang könnte die erhöhten Niederschläge im südlichen Mitteleuropa und dem nördlichen Mittelmeerraum plausibel erklären. 1816 gab es nach dem verregneten Sommer auch in Deutschland verbreitet Hungersnöte. In Bayern beispielsweise gingen die Erträge um 30 bis 50 Prozent zurück, in Württemberg sprechen obrigkeitliche Quellen von 20 bis 50 Prozent.

Quelle: www.uni-giessen.de/cms/ueber-uns/pressestelle/pm/pm31-14