Heilpflanze: Nachtkerze

Nachtkerze, Oenothera biennis: Zu Recht trägt die zweijährige, stattliche Pflanze Ihren Namen, öffnet sie doch ihre großen, je nach Art gelben, roten oder weißen, wohlriechenden Blüten erst gegen Abend. Im ersten Jahr treibt die Pflanze nur eine Blattrosette aus, im zweiten Jahr einen bis zu einen Meter hohen Stängel mit den großen Blüten.

Die Blüten werden von Nachtfaltern bestäubt und welken beim ersten Sonnenschein. Aus den befruchteten Blüten entwickelt sich eine längliche, zottig behaarte Kapsel. Aus den reifen Samen wird das Nachtkerzenöl gewonnen. Schon die Indianischen Volksstämme Südamerikas nutzten die Heilkräfte der Nachtkerze.

Die anspruchslose Pflanze ist weit verbreitet und wächst auf trockenen, steinigen und sandigen Böden, in Steinbrüchen und auf Dämmen. Sie blüht von Juni bis August.

Volksnamen: Schinkenwurzel, Rapontikawurzel, chupa-sangre ("Bluttrinker" Name der Nachtkerze in Südamerika)

Heilwirkung

Wurzeln, Blätter, Knospen und ein Öl aus den Samen sind auch in der Küche zu gebrauchen: Blätter und Knospen sind mild, gut geeignet für Salate. Die Wurzeln aß man schon früher als Gemüse, sie wurden mit Essig und Öl angemacht oder in Fleischbrühe gekocht. Man misst ihnen eine große Kraft bei, Kranke schnell wieder fit werden zu lassen. Für Heilzwecke verwende man die frisch gepflückten Sprossspitzen oder die an der Pflanze getrockneten Samen.

In früheren Zeiten wurde der Nachtkerze in Europa keine große Heilwirkung zugeschrieben, bis man 1919 entdeckte, dass die Samen einen hohen Anteil an Gamma-Linolsäure enthalten. Gamma-Linolsäure ist eine lebensnotwendige Fettsäure, die verantwortlich für die Bildung von Prostaglandinen ist. Dieser Stoff ist für viele Organfunktionen wichtig. Ein Mangel an diesem Stoff, zum Beispiel durch fettes Essen oder Alkoholmissbrauch, zeigt sich im Nachlassen der körperlichen und geistigen Fitness. Zudem kontrollieren die Prostaglandinen die Talgabsonderung auf der Haut, was wichtig für deren Geschmeidigkeit ist. So ist Nachtkerzenöl ein wichtiges Mittel gegen Neurodermitis. Prostaglandinen regulieren die weiblichen Sexualhormone und helfen so zum Beispiel gegen Unfruchtbarkeit, Menstruationsbeschwerden und das Prämenstruelle Syndrom.

Außerdem wirken sie gefäßerweiternd und stimulieren den Muskelaufbau. Ein Mangel an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, wie der Gamma-Linolsäure, zeigt sich zum Beispiel an brüchigen Fingernägeln und Haaren, trockener Haut und Schuppen.

Das Nachtkerzenöl aktiviert den Stoffwechsel, steigert die Leistungsfähigkeit und sorgt für allgemeines Wohlbefinden innerlich wie äußerlich. In Südamerika wird die Nachtkerze des Weiteren auch bei Verletzungen oder Prellungen angewandt, sowie bei Magen- und Darmbeschwerden oder Halsentzündungen. Selbst die Folgen von Allergien kann sie lindern.

Aus den reifen Samen kann man ein Öl pressen, doch auch ein Aufguss kann hilfreich sein:

Fünfzehn Gramm getrocknete Sprossspitzen werden mit einem Viertelliter kochendem Wasser überbrüht. Der Aufguss wird zehn Minuten ziehen gelassen, dann abgeseiht. Entzündete Hautstellen werden mit dem Aufguss vorsichtig abgewaschen oder mit im Aufguss getränkten Mullbinden belegt. Bei Bedarf nach drei Stunden wiederholen. Für die Innere Anwendung werden drei Gramm getrocknete Sprossspitzen in eine Tasse gegeben und mit 100 ml kochendem Wasser aufgebrüht. Wiederum zehn Minuten ziehen lassen und abseihen. Von dem Tee wird drei mal täglich eine frisch aufgebrühte Tasse getrunken.

Zwei Teelöffel gemahlene Samen, in den Tagen vor der Menstruation unter das Essen gemischt, helfen gegen Menstruationsbeschwerden.

Dieselbe bewährt sich bei Entzündungen des Unterleibs, bei Lungenschwindsucht und Brustverschleimung ganz vorzüglich. Auf 1/4 Liter kochendes Wasser nehme man 5 Gramm dieses Tees und brüht ihn. Man trinke täglich 2 – 3 Obertassen.


Literatur & Quellen: Bild und Zitat nach historischer Buchvorlage: Brunnfels, O. / Pfeffermann / Gleitsmann, E.: Das Buch der Kräuter, Verlag Urbania-Gesellschaft, Dresden, um 1920