Keltenkreuze
Keltenkreuze dienten ursprünglich nicht als Grabstein, sondern als Stele

Das vorkatholische, keltische Christentum (Iroschottische Kirche) auf den britischen Inseln, Schottland und Irland, weist einige Besonderheiten auf, da es sich ähnlich wie das römische Urchristentum (vor Konstantin) gut 300 Jahre lang ohne staatliche Einflüsse entwickelte. Das antike Britannien war im Jahre 43 n. Chr. von den Römern besetzt, die Druidenkaste ausgerottet und das Land in der Folge kolonialisiert worden, doch die römische Herrschaft konnte sich dort nur bis zum Jahre 410/440 halten. So blieb ein Großteil der keltischen Urbevölkerung in seiner kulturellen und religiösen Entwicklung vom Imperium und später auch von der römischen Staatskirche (durch Kaiser Konstantin II eingesetzt) nur indirekt beeinflusst. Die "Konstantinische Wende" datiert man auf das Jahr 313 mit der Tolerierung des christlichen Glaubens (Mailänder Vereinbarung). Im Jahr 380 wird das Christentum im Kaiserreich dann endgültig zur Staatsreligion erhoben.

Kurzer kulturgeschichtlicher Exkurs

Kreuz von Ruthwell SonnensymbolDie britische und irische Urbevölkerung waren allesamt Kelten (Gallier). In dieser fernen römischen Provinz breitete sich das frühe Christentum schon kurze Zeit nach dessen Entstehung aus, ohne dass es von zentraler Stelle her (Rom) besonders beeinflusst wurde. Die Kelten, die schon immer zu einer mehr mystischen Dekweise neigten, mögen wohl besonders die mystisch-christlichen Lehren rasch verinnerlicht haben. In Rom festigten sich andere frühchristliche Glaubenslehren und entwickelten sich dort getrennt fort. Aber selbst in der frühen römischen staatskirchlichen Phase von 380 bis 410/440 n. Chr. blieb der Einfluss aus Rom fern, da in dieser abgelegenen Provinz in den besagten dreißig Jahren wohl kaum etwas in Richtung einer katholischen Strukturierung geschah. Eigene kirchliche Strukturen besaß jedoch die alte Iroschottische Kirche, welche vor allem durch eine ausgeprägte Klosterkultur gekennzeichnet war.

Britannien stand in Teilen von 43 bis etwa 440 n. Chr. unter römischer Herrschaft. Daraufhin folgte jedoch für die Insel ein "Dunkles Zeitalter". Was man weiß ist, dass in der Folgezeit Angelsachsen und Friesen in die ehemaligen britannischen Provinzen einfielen, dort raubten, siedelten und die römisch-keltische Kultur weitgehend assimilierten. Allerdings gab es in den Gebieten, welche hinter dem römischen Hadrianswall gelegen haben, also im Gebiet der Schotten, Ihren und Picten eine Enklave der Urbevölkerung, welche nie durch Römer, Angelsachen und auch nicht durch die Völkerwanderungsbewegung in Mitleidenschaft gezogen wurde. Trotzdem breitete sich auch dorthin frühzeitig (nicht bei den Picten) das junge Christentum sporadisch aus. Mindestens in der kurzen römisch-christlichen stabilen Phase von 380 bis 440 haben sich in solchen Randgebieten auch diejenigen christlichen Strömungen zurückgezogen, welche durch die neue römische Staatsreligion als abweichlerisch (herätisch, ketzerisch) gebrandmarkt wurden. Konkret waren das die Anhänger des Pelagianismus. Für diese Christen gab es keine menschliche Erbsünde. Gelehrt wurde dies durch den britischen Mönch Pelagius (350 – 420). Das Brisante dieser Theologie war aber, dass das aufwendig erklärte katholische Schuld- und Erlösungskonzept (paulinische Theologie) mit diesem einfachen Glaubenskonzept nicht umsetzbar war und damit auch nicht der kirchliche Anspruch diese Schlüssel über Himmel und Hölle zu verwalten. Pelagius stritt damals hart mit dem katholischen Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354 – 430) und warf ihn vor, die heidnische Religion des Manichäismus in das Christentum zu integrieren, was am Ende vielleicht tatsächlich so geschah.

Die Lehre des Pelagius prägte das Auftreten der irischen Mönche besonders in ihrer Eigenschaft als eifrige, aber friedliche Missionare auf dem europäischen Festland. Und immerhin gelangte die erste iroschottische Mission bis Oberitalien. Eine ähnliche Lehre wie die des Pelagius vertrat der Mönch Johannes Cassianus (um 360 – 435), welche als Semipelagianismus in die Kirchengeschichte einging. Merkwürdiger Weise fasste diese Lehre nur im südlichen Gallien Fuß, also ebenfalls nur wieder im keltischen Raum, welcher heute dem südlichen Frankreich entspricht [1].

Kelten (Gallo-Griechen) siedelten aber auch in der Enklave Galatien (Zentralanatolien) im römischen Reich [2]. In diesen Kulturkreisen hatte nachweislich bereits das früheste Urchristentum seine Wurzeln geschlagen. Im Neuen Testament gibt es etwa den Brief des Paulus an die Gemeinden in Galatien (Galaterbrief [3]), der interessanter Weise auch schon die Theologie der Sündhaftigkeit und der Erlösung durch den Glauben an Jesus Christus zum Inhalt hat. Vehement wendet sich der Adressat des Briefes gegen Lehren, die das bestreiten und vermutlich keltisch-christlich sind. Galatien war von den Nachfahren von 20.000 (nie vollkommen romanisierter) keltischer Söldner des Volcae-Stammes (Welsche, Walen, Wenden) besiedelt und urchristliches Kernland! Übrigens: Wenn Zentralanatolien erwähnt wird und das frühe Christentum, so wird viel zu selten gedanklich der Bogen zu der eigentümlichen Höhlenarchitektur in Kappadokien geschlagen. Hier entstanden bereits im ersten Jahrhundert christliche Einsiedeleien und rasch auch Klöster. Darinnen wiederum, findet sich frühchristliche Symbolik, um welche es hier in diesen Ausführungen geht: die Verbindung von Kreuz und Kreis.

Keltische Mystik

Man kann zwar viel über die Kelten und ihre Religion, Mythen und Sagen lesen, doch eine Quintessenz ihrer religions-philosophischen Anschauen lässt sich heute nicht mehr viel ausmachen. Was man aber sagen kann, dass ist sie von einem heidnischen Götterglauben (Muttergöttin, Kriegs- und Handwerksgötter, Opferkult usw.) überdeckt, mehr eine mystisch-spirituell Ader hatten und einen ungebrochen Jenseitsglauben besaßen. An der Unsterblichkeit der Seele hatte dieses antike Volk nicht den geringsten Zweifel.

Radkreuz Kappadokien

Die Lehre der Seelenwanderung (Metempsychose) war ihnen nicht fremd. Daneben besaßen sie aber auch einen eingefleischten Glauben an einen möglichen Weltuntergang, der durch den Einsturz des Himmelgewölbes herrühren könnte. Religionsphilosophie gehörte bei den Kelten offensichtlich zur Kindererziehung. In seinem Commentarii de Bello Gallico schreibt Gaius Iulius Caesar, dass die gallischen Druiden (Dryaden) nicht nur keltische Priester waren, sondern auch Richter und Erzieher für Keltenkreuz mit Christus Clonmacnoise Irlanddie Jugend. Und so war diese geistige Erziehung vermutlich einfach, aber spirituell tiefgehend. Mit der Eroberung Galliens wurden diese Druidenschulen jedoch sofort vom Kaiser verboten. In der Iroschottischen Kirche hat sich später jedoch ein besonderes Lehramt neben dem ausgeprägten und menschenoffenen Mönchstum in der Weise erhalten, dass es auch im profanen Christentum Mentoren (keltisch Anam-Cara), übersetzt "Seelenefreudschaften" gab. Der traditionelle Jenseitsglaube der Kelten war schlicht, aber auch ganz anders, als bei allen anderen Völkern. Was wir uns heute als Jenseits vorstellen – der Welt ohne Wiederkehr, so war diese "Anderwelt" bei den Kelten ein Ort, der betreten und wieder verlassen werden konnte – Anklänge an diese Mythologie finden wir heute noch im Märchen von Frau Holle. Das die Kelten eine eigentümliche Spiritualität gehabt haben müssen, dass zeigt und ein handwerklich getriebenes Bild auf einem silbernen Kessel (Kessel von Gundestrup), auf dem eine Gottheit (Cernunnos oder ein Druide) im Lotossitz dargestellt ist. Die Figur, in jeder fernöstlichen Meditationshaltung, ist mit einem Hirschgeweih versehen, welches als eine Art "Antenne" für die spirituelle Welt gedeutet werden kann, also der Fähigkeit Visionen zu empfangen.

Keltisches Kreuz – Bedeutung

Um nun endlich den Bogen zum keltischen Kreuz zu schließen, muss am Ende dieses Exkurses noch auf den Keltengott Taranis hingewiesen werden. Es ist der an der Spitze einer bunten Götterwelt stehenden Gottes des Himmels, des Wetters und des Donners. Taranis ist der Pendant des germanischen Donar/Thor und des römischen Jupiters. Bemerkenswert ist aber das Attribut (Ikonographie) des keltischen Taranis. Es ist nicht der Blitz (Jupiter) oder der Hammer (Thor), sondern das Radkreuz (Sonnensymbolik) mit drei, vier oder sechs Speichen. Das Rad ist eindeutig ein altes Sonnensymbol, welches die Kelten kannten und benutzten.

Keltenkreuz Ruthwell beidseitig dargestellt

Es ist eine Bemerkung wert, dass auf dem über fünf Meter hohen "Kreuz von Ruthwell", das Kreuz auf der Spitze mit einer Sonne bebildert ist. Dort verwendete man nicht den Kreis oder das Sonnenrad als abstraktes Sinnzeichen, sondern das eindeutige Sinnbild des Tagesgestirns. Letzteres ist vom Kreuz, welches wir auch als Weltsymbol auffassen können (vier Himmelsrichtungen), eingeschlossen. Merkwürdiger Weise ist auch das abstrahierte klassische Keltenkreuz so aufgebaut, dass sich der Kreis (Sonne) im Inneren des Kreuzes befindet. Nicht so, ist es etwa beim sogenannten Radkreuz, und auf diesen feinen Unterschied möchte ich besonders hinweisen. Symbolsprachlich versinnbildlicht der Kreis im Kreuz (oder Viereck) den Geist, der durch die Materie (Natur) wirkt oder die geistige Sonne, den Lichtfunken (Geist), der in der Seele liegt und diese beiden wiederum im Menschlichen Leib. Noch bemerkenswerter ist, und wir bleiben bei der Symbolik des Kreuzes von Ruthwell, dass auf dessen Gegenseite der abgebildeten Sonne am Endpunkt der Kreuzstele ein Trinitätszeichen noch recht gut zu erkennen ist. Es ist ein Dreieck (Trinität [4]) im Kreis (Einheit, Monismus). Wenn wir uns den ausgeprägten Jenseitsglauben der Kelten betrachten, so ist es sicher nicht verwunderlich, dass ihnen Lehren von dem dreifältigen Wesen des Menschen (Trichotomie = Geist, Seele, Leib) durch natürliches Verständnis gegeben war. Auch das dreifältige Wesen Gottes (Trinität) verstand der Gallier vermutlich mehr intuitiv, wie das ein altes Erklärungsmodell der christlichen Mystiker tut, nachdem es diese Trinität als eine sich liegende Dreiheit sieht.

Gnadensonne

Grabkreuz als GnadensonneDas Symbol der Sonne ist im Altertum das universelle Symbol für die Gottheit, doch schon in der frühen Christenheit wurde es als Bild (nicht nur bei den Kelten) für die Dreifaltigkeit Gottes verwendet (2. bis 5. Jahrhundert in Griechenland und Armenien) – so stand in diesen frühen Kirchen die Sonnenscheibe für Gott-Vater, die Strahlen für Gott-Sohn und die strahlende Wärme für Gott-Geist. In der volkstümlichen Marienverhrung und pietistischen Kreisen hat sich die eigenartige Christussymbolik des Jesus als die Gnadensonne bezogen auf Offenbahrung 21,23 bis heute in der Volksfrömmigkeit erhalten. Dieses einfach verständliche Sinnbild gibt es aber auch in neuerer mystischer Literatur und so möchte ich hier eine Version aus dem 19. Jahrhundert (von Jakob Lorber; Die geistige Sonne, Band 2) [5] neben ein modern gestaltetes Keltenkreuz (Grabmal aus Metall) stellen:

Im Namen Jesus bezeichnet ihr das vollkommene, mächtige, wesenhafte Zentrum Gottes [...] , oder noch deutlicher gesprochen: Jesus ist der wahrhaftige, allereigentlichste, wesenhafte, Gott als Mensch, aus dem erst alle Gottheit, welche die Unendlichkeit erfüllt, als der Geist Seiner unendlichen Macht, Kraft und Gewalt gleich den Strahlen aus der Sonne hervorgeht. [...] In Jesus wohnt die Gottheit in Ihrer allerunendlichsten Fülle wahrhaft; darum denn auch allezeit die ganze göttliche Unendlichkeit angeregt wird, so dieser unendlich heiligst erhabene Name ausgesprochen wird!

Das Hochkreuz

Die ersten keltischen Hochkreuze waren keine Grabsteine, sondern aufgestellte, sichtbaren Andachtszeichen, so wie wir sie heute in ähnlichem Gebrauch in Bayern als Flur, Gipfel- oder Wegekreuze und Bildstöcke kennen. Man kann die Hochkreuze auch als Altäre im Gotteshaus der Natur betrachten, um deren Wesen zu verstehen, ganz im Sinn der Theologie jener ersten irischen Mönche, welche das europäische Festland missionierten. In machen Gegenden Deutschlands hat sich auf Friedhöfen aber auch auf gemeindlichen Versammlungsplätzen die Sitte bewahrt, sogenannte Hochkreuze aufzustellen. Es sind meist einfache, aber von der Höhe her, markante lateinische Kreuze aus Holz. Nicht selten sind diese Segenszeichen gemeindliche Versammlungsplätze in der Natur, wenn Gottesdienste im Freien, etwa am Johannistag (zu Mittsommer) unter freiem Himmel gefeiert werden. In diesem Zweck stehen sie, vielleicht ungewollt, voll und ganz in der alten irisch-schottischen Tradition, das Christentum nicht hinter hohen Mauern abzuschotten.

Hochkreuz Dresden Herllerau Friedhof

Hinweise:

  • [1] Das ursprüngliche Siedlungsgebiet dieses Wahlen-Stammes lag wohl zwischen Rhein, Main und Leine und in Thüringen.
  • [2] Kerngebiet des ehemaligen hethitischen Großreichs
  • [3] Die römische Provinz Galatien ging allerdings über dieses keltische Kernland hinaus und war Ziel der ersten Missionsreise des Paulus (Apostelgeschichte Kapitel 13 bis 15), die vermutlich in den Jahren 44 bis 49 n. Chr. stattfand.
  • [4] Das irische Kleeblatt (Shamrock, Nationalsymbol Irlands) soll auf den heiligen St. Patrick zurückgehen, welcher damit den Iren die Trinität Gottes erklärte
  • [5] Auch hier ist der biblische Bezug Offenb. 21,23.