Amor und Minerva
Stich aus der späten Renaissance mit gleichem Thema.

Ein Gedicht, welches sich um den römischen Liebesgott rankt. Der kindliche Knabe, der mit seinen Pfeilen das unstillbare Liebesbegehren weckt, wird von Minerva, der Göttin der angewandten Wissenschaft arg zurechtgewiesen, weil er wohl nie erwachsen wird. Der freche Knabe bittet darauf Pallas Athene (die griechische Version der Minerva) von ihrer Weisheit abzugeben, doch sie verneint – denn diese Art von Wissen und Erfahrung muss man sich selber aneignen.

Amor und Minerva

Amor begegnet Minerven. "Verwildeter! Träger!" so ruft
sie,
"Sammle dir Weisheit ein, sey nur nicht immer ein
Kind."
Amor bot ihr den Köcher. O, Pallas, füll' ihn mit Weis-
heit,
Spricht er lächelnd, nur du giebst sie vom echten Ge-
halt.
Schau! die Pfeile zerbrech' ich - den Bogen weih' ich Apoll-
on,
Und Ich rühme mich dann künftig, der Weise zu seyn.
Zögernd nimmt Pallas den Köcher. "Wie?" - spricht sie
leiser im Innern -
"Amor der Weise? - Nein, geh," rief sie, "und
finde sie selbst."

Gedichte: Kleinere Gedichte, Denkmäler, Elegien u. Idyllen, Band 3; Hamburg, 1811