Tiger mit Geweih Skythen
1) Mystischer Tiger mit Geweih. Skythen/Südsibirien.

Die Ursprünge der Malerei, Symbolik und selbst der Schriftbilder sind uralt. Da ich hier auf diesen Infoseiten ein kleines Lexikon der Bildzeichen zusammengestellt habe, das eigentlich im Zusammenhang mit der Bildhauerei und der Gartenkunst steht, so mag dieser Exkurs in die mystischen Symbole des sogenannten Tierstils, welche bis zu magisch wirkenden Tattoovorlagen reicht, den Leser verwundern.

Doch dazu gibt es keinen Grund, denn dieser Stil findet sich auch in den nordischen und keltischen Kunstmotiven (Keltenkreuze) [1], welche heute auch unsere Kultur prägen. Ursprünglich verzierte der Mensch wohl zuerst seinen und den Körper seiner Mitmenschen, bevor er Höhlenwände bemalte und Plastiken schuf. Und ganz sicher hatte die Symbolik dieser ursprünglichen Körperbilder eine wichtige Bedeutung, beispielsweise als Schutzzeichen, als Status oder als Erkennung zu einer bestimmten Sippenzugehörigkeit.

Sehr schön wird das oben gesagte an den kunstvollen und mystischen Tattoo-Motiven der Skythen deutlich. Dieser einheitliche Stil von geschmeidigen Linien der Motive weist recht klar auf die Herkunft als Tattoobemalung. Diese Ausdrucksweise wurde von der Wissenschaft mit "Tierstil" benannt ist. 

Der Tierstil ist ein Kunststil der vorgeschichtlichen Nomadenstämme Eurasiens (Skythen). Richtiger gesagt, war er dort sehr ausgeprägt, und er findet sich in ähnlicher Weise auch in anderen Kulturen und bis in manche Kunstrichtung unserer Zeit. Im Fundus dieser archaischen Bildwerke können die Anhänger der Körperbemalung auch heute noch hundertfache Anregung finden, nicht zuletzt durch diesen Beitrag.



Skyten-Tattoos

Mystische Symbole als Tattoo-Vorlagen sind heute viel gesucht und man ziert damit Schultern, Waden und Ärsche. Interessant ist dabei schon, dass hierfür die Tiersymbolik des sogenannten Tierstils kaum Beachtung findet, es sei denn in der Spielart der keltischen Vorlagen.

Die Leningrader Eremitage beherbergt neben zahlreichen Kunstschätzen auch ganz besondere Raritäten. Es handelt sich um in Sibirien gefundenen Goldschmuck. Dieser Schmuck aus figürlichen Tierdarstellungen stammt ursprünglich aus den alten Grabstätten der Skythen und anderer asiatischer Reiterstämme.

Der russische Gelehrte Michail Rostowzew (1870 – 1952) prägte im Zusammenhang mit der Erforschung dieser Kunstgegenstände den Begriff "Tierstil". Interessant ist allerdings, dass die Goldplastiken der genannten Steppenvölker weitestgehend zweidimensional sind. Sie sind eher flächig statt räumlich, eher Bilder statt Plastiken. Es sind in Gold gegossene Bilder.

Da aus dem Stil eines prähistorischen Künstlers geschlossen werden kann, ob er diesen aus der Schnitzkunst, der Bearbeitung von Stein oder der Malerei entnommen hat, kann bei den erwähnten Kleinkunstwerken angenommen werden, dass ihre flächige Darstellung auf malerische Vorbilder hinweist.

Fragt sich nun, worauf gemalt wurde. War es Stoff Filz, Leder oder Holz? Tatsächlich sind Tierstil-Malereien auf all diesen Materialien bekannt. Doch die ständig umherziehenden und raubenden Reiterstämme hatten für diese Kunst ihr wohl bedeutendstes und ganz eigenes - im wahrsten Sinne des Wortes - Medium der Kunstdarstellung: ihre Haut und damit das Tattoo.

Der Stil – die Linienführung

Jeder Kunststil wird davon geprägt, mit welchen Medien und Materialien gearbeitet wird. Die Körperbemalung ist zwar flächig, doch sie kann durch die Räumlichkeit des Körpers durchaus plastisch wirken. Das setzt natürlich voraus, besonders geeignete Körperstellen zu bevorzugen. Ein flächiges Bild auf einem Arm hat keine so ausgesprochene Wirkung wie beispielsweise auf Brust oder Rücken. Das Spiel der Muskeln kann zudem die Wirkung verstärken. Abgebildet wurden häufig Tiger, Raubkatze, Steinbock und Gazelle. 

Beispielhafte Motive

Tiger – die Symbolik

Der Tiger ist für sich eine merkwürdige mystische Symbolgestalt, denn die im dunklen Dickicht lebende Wildkatze zeigt im Zusammenhang mit der Symbolsprache zwei grundverschiedene (solare [Sonne] und luneare [Mond]) Eigenschaften. In China war er ursprünglich ein Schutzgeist der Jagd, später aber des Ackerbaus. Zudem sah man in dem Tier die Vereinigung von Yin und Yang und deutete ihn als guten oder bösen Gegenspieler des Drachen.

Kampf zwischen Tiger und Steinbock2) Kampf zwischen Tiger und Steinbock - Skythisches Motiv.

Im Fernen Osten ist der Tiger der König der wilden Tiere. Da er in der Nacht sehr gut sehen kann, wird er als unheilvolle Macht der Finsternis gesehen und ist der Erde (Materie, Yin) angehörig. Doch der Tiger wird auch mit Schlangen kämpfend dargestellt. In diesem Falle stellt er das Lichtprinzip (Yang) dar und steht für Autorität, für militärische Macht und für den steten Widerstreit der Polaritäten. Der Weiße Tiger symbolisiert königliche Tugenden. Er ist ein Symbol von Königswürde, Stärke – aber auch von Grausamkeit.

Miteinander kämpfende Tiere

Ein häufiges Motiv im Tierstil sind kämpfende Tiere, wie beispielsweise Greif und Elch. Im Grunde sind es jedoch alles dualistische Symbole. So kann selbst ein Einzelwesen dualistische Züge tragen, wie es der Tiger im Bild 1) tut.

Er trägt ein Hirschgeweih und steht damit für den ständig währenden Kampf der Gegenpole (z.B. Licht und Finsternis). Bemerkenswert ist, dass die unterlegenen Tiere wie zum Beispiel Elch und Steinbock (wie auch Gazellen, Hirsche oder Antilopen in anderen Kulturen) in der alten Symbolsprache für unheilvolle Mächte stehen (typonische Mächte der Unterwelt ), deren Attribut Sturmwetter (das heißt chaotische Kräfte) ist. So wurde beispielsweise die Gazelle zum Attribut der sumero-semitischen Astart-Gottheit und des Tesub, dem churritischen Gott der Stürme.

Tiger und Steinbock im Kampf

Tiger und Steinbock im Kampf ist ebenfalls ein beliebtes Motiv. Die Interpretation dafür sagt aus, dass der Tiger, als Metapher für den Tag und für das Licht, gegen den Steinbock kämpft, der die Nacht verkörpert, obwohl auch der Tiger selber das Unheilvolle der Nacht in sich trägt.

Greif und Steinbock 

Der Greif ist ein Fabelwesen, das mit dem Kopf und den Klauen eines Adlers sowie dem Körper eines Löwen oder Tigers dargestellt wird. Zudem hat er oft Flügel und ist häufig in der Heraldik (Wappenkunde) zu finden. Dort manchmal aber auch ohne Flügel.
Der Greif ist das Licht-Symbol der Morgendämmerung, der Steinbock steht für übernatürliche, unheimliche Mächte (Nacht) und für den Sturmwind (das Chaos).

Adler und Hirsch

Merkwürdig und ein echt mystisches Symbol ist die Kampfdarstellung zwischen Adler und Hirsch. Beide Tiere verkörpern hoheitliche Macht und gehören der solaren Symbolwelt an. Derartige Archetypen müssen nicht immer mit der gängigen Symbolsprache erklärbar sein. Adler und Hirsch können auch eine Art Sippenzugehörigkeit darstellen.

Allgemeine Bedeutung der Symbolik

Fragt man sich nun, was die besagten Reitervölker mit ihren Tattoos und der damit verbundenen Tier-Symbolik zum Ausdruck bringe wollten, so ist die Antwort weniger wissenschaftlich, als vermutet. Für die Träger dieser Körperbemalung waren es schlicht und einfach nur Zeichen von Macht und Stärke

Tiersymbolik und Tier-Stilistik ist in jenen Völkerschaften ein Ausdruck der erlebten Unmittelbarkeit. Die Menschen dieser Kultur kannten nicht unsere heutige Sicherheitsmentalität. Sie lebten in ständiger Gefahr und waren der Bedrohung von Krieg und Krankheit sowie der Unmittelbarkeit der Natur im vollem Maße ausgesetzt. Die kriegerischen Steppenvölker, welche keine festen Städte kannten und deren Dasein völlig auf die Gegenwart fixiert war, haben sich dann wohl naturgemäß mit denjenigen Zeichen und Symbolen geschmückt, welche ihrem Leben am ehesten entsprachen – und das ist eben dieser Tierstil.

Dieser spezielle kulturgeschichtliche Exkurs in die Thematik der Steppen-Tattoos ist hier natürlich nur angerissen, und es wäre sicher interessant, das Thema zu vertiefen. So beispielsweise inwieweit auch der Schamanenglaube oder die Erfahrungen von Trancezuständen Einfluss nahmen. Bekannt ist, dass die Skythen die berauschende Wirkung von Hanfsamen in ihren Saunazelten nutzten. Man warf die Samen auf erhitzte Steine und genoss gemeinschaftlich den daraus entstehenden Effekt. Inwieweit solches Rauscherleben die Kunst jener Menschen beeinflusste, würde den Rahmen dieser Seite sprengen und wird sich in einem anderen Kapitel wiederfinden.

Grabmalgestaltung und Tattoo-Bilder

In dem vorliegenden "Symbol-Lexikon" informiere ich vorzugsweise zur Symbolik, die überwiegend auch zur Grabmalgestaltung geeignet ist. Diese hat immer mit der aktuellen Bildsprache der Menschen zu tun. Irgendwann wird sich für eine Friedhofsverwaltung sicher auch einmal die Frage stellen, ob typische Tattoo-Symbolbilder für einen Grabmalentwurf genehmigt werden können. Auf einem Friedhof, auf dem die alten Regeln weitestgehend gelockert wurden, sicherlich, doch dort, wo selbst nur ein Minimum an gestalterischen Ansprüchen bewahrt wird, kann es durchaus zu  einem kontroversen Thema werden.

Vielleicht ist es sinnvoller, in diesem Zusammenhang nicht von Tatto-Vorlagen auf Grabsteinen zu reden, sondern von gestalteten Grabmalen im Tierstil. So sei noch einmal an die bereits erwähnten archaischen Keltenkreuze erinnert, was die Thematik wesentlich entspannt. Dabei ist aber auf jeden Fall zu beachten, dass reine Malerei beziehungsweise Zeichnungen auf Stein unsinnig sind, denn das Grabmal (aus Stein oder Holz) ist kein zweidimensionales Blatt Papier, es ist körperhaft.

Holzschnitzerei und Steinmetzarbeiten sind darum vom künstlerischen Wesen her plastisch. Mit Blick auf die Tierstilthematik sollte sie auch hier halbplastisch, abstrahiert und ornamental sein.


Bildquellen und Literatur:

  • Burchhard Brentjes, Der Tierstil in Eurasien; Leipzig 1982; Bild 1
  • Burchard Brentjes, Rätsel aus dem Altertum; Leipzig 1980; Bild 2
  • [1] weitere keltische Motive bietet der "Der Kessel von Gundestrup"

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