Weißer Winterkalvill
Auf dem Lager werden die Früchte gelbgrün

Tatsächlich können bei einer Obstsorte die Meinungen über deren Geschmack auseinandergehen. Beim 'Weißen Winterkalvill' ist das sicher der Fall, denn der galt vor hundert Jahren als "feinster Tafelapfel, den wir besitzen". Das mag die Geschmackswelt jener Zeit tatsächlich treffen, doch heute sind andere Aromen wohl begehrter.

Rümpler beschreibt das Aroma des Apfels so: "Vorzüglicher, angenehm riechender Tafelapfel mit feinem, lockeren, mürben, sehr saftigem Fleische von süßsäuerlichem Erdbeerengeschmack." Ich selber würde diese Würze mit der des Golden Delicious vergleichen, dem noch ein Hauch von Himbeeraroma beigemischt ist. Er ist also sehr mild. Die Frucht hat eine gelblichgrüne Schale mit roten Streifen. Die Pflückreife setzt ab Mitte Oktober ein, die Fruchtreife auf dem Lager ab Dezember. Dort hält er sich bis März.

Der 'Weiße Winterkalvill' verlangt einen guten tiefgründigen warmen Boden und einen warmen sonnigen geschützten Standort. Nur in solchen Verhältnissen entwickelt er seine Eigenschaften; in schlechten bleibt er zwar ein dankbarer Träger, aber seine Früchte bleiben klein, haben wenig Gehalt, halten im Lager nicht lange und sind fast ausnahmslos und stark vom Apfelschorf (Fusicladium) befallen.

Kultur

Es galt früher als bester Tafelapfel. Andererseits galt und gilt er wohl immer noch als der anspruchsvollste. Er sollte nur als Spalierbaum kultiviert werden. R. Betten schreibt zur Sorte folgendes (Text geändert): Man soll diese Kalville niemals als Hochstamm, höchstens als waagerecht Kordon, in der Hauptsache an eine Südmauer pflanzen. In den warmen Lagen Tirols und Steiermark hat die Apfelsorte eine besondere Heimstätte und wird hier in prachtvollen Exemplaren, die an Ort und Stelle schon eine Mark und mehr kosten, gezogen. Die Äpfel erzielten um 1910 bei guter Ausbildung Preise von 40 - 100 Mark per 50 Kilo!*

Das Gehölz treibt anfangs kräftig, doch dann wird es eher schwachwüchsig. Insgesamt hat es keine sehr lange Lebensdauer.

Steckbrief: 'Weißer Winterkalvill'

Der Wuchs: Spaliergehölz
Die Blüte: - -
Bekannte gute Befruchtersorten: - -
Der Ertrag: Jährlich, gut
Die Früchte: Sehr mildaromatisch mit Erdbeernote, gelbgrüne Schale
Resistenzen: - -
Ungünstige Eigenschaften: nur warme Südlagen, Spalierwände
Bezugsquelle: In den Baumschulen erhältlich, eventuell muss bestellt werden
Synonyme: Weißer Winterkalvill, Weißer Winter-Calvill

Weißer Winter Kalvill Kordon

Verwendung

Alles in Allem ist der Kalvill heute ein Apfel, der in Liebhabergärten und dort wo die Lichtverhältnisse günstig liegen, angepflanzt werden sollte. R. Betten meinte aber 1920 schon: "Er macht hier dem Besitzer Freude, sobald für öftere Spritzungen gegen Fusicladium gesorgt wird."

Literatur, Bemerkungen

  • Betten, R.: "Neue richtige Pflanzweise der Obstbäume und ihre richtige Düngung von der Pflanzung bis zum Alter sowie die neue Richtung in der Auswahl der Obstsorten"; Erfurt; Erfurter Führers im Obst- und Gartenbau ca. 1910 – 1920
  • Tümpler, Th.: Illustrierte Gemüse- und Obstgärtnerei; Berlin 1879

*Das deckt sich mit den Informationen, die bei Wikipedia zu finden sind: "Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden für besonders gut gewachsene Früchte dieser Sorte zwischen 0,50 und 1,50 Reichsmark pro Stück gezahlt. Der Zentnerpreis (50 kg) betrug 100 bis 150 Mark – ein monatliches Inspektorengehalt lag damals bei 412 Reichsmark." Man bedenke: Die 5 Reichsmarkmünze enthielt 12,5 Gramm reines Silber, demnach hatte eine Reichsmark einen Gegenwert von 2,5 Gramm Silber und man überlege, wie sich die Proportionen der Arbeitswertschätzung bis heute verändert hat. 2016 kostet 1 Gramm Silber etwa 4 Euro.