abgesenkter Staudengarten in Septembersonne
Der Karl-Foerster-Garten in Potsdam-Bornim (September 2006)

Ein Gartenbuch, das bleibt

In meinem Bücherregal stehen viele Bücher über Gartenbau und Gartengestaltung. Ich befasse mich sowohl mit neuen Ideen als auch mit Techniken, die schon seit Jahrhunderten praktiziert werden. Und so zählen auch viele alte Exemplare zu meinem Bücherschatz. Eines der wichtigsten ist mir dabei das "Gartenbuch der sieben Jahreszeiten" von Karl Foerster.

Karl Foerster: Der Steingarten der sieben Jahreszeiten – Naturhaft oder architektonisch gestaltet,
Neumann Verlag Leipzig · Radebeul, 10. Auflage 1987; Erstveröffentlichung 1939

Ein Gartenbuch alter Schule, könnte man sagen. Und doch eines, das seiner Zeit weit voraus war.



Sieben statt vier – ein anderer Blick auf das Jahr

Mich hat diese Idee schon immer fasziniert, das Jahr nicht einfach nur in vier Jahreszeiten einzuteilen, sondern feiner zu denken, beweglicher, aufmerksamer.

Das was heute selbstverständlich erscheint – Frühling, Sommer, Herbst, Winter – war im frühen Mittelalter einfacher eingeteilt – Frühling, Sommer, Winter – drei Jahreszeiten genügten. Karl Foerster hingegen ging in die andere Richtung, er differenzierte.

Bereits 1939 formulierte der große deutsche Staudenzüchter sein Konzept der sieben Jahreszeiten. Es wurde viel zitiert, oft bewundert – aber im Denken der Mitteleuropäer wirklich Fuß gefasst hat es erstaunlicherweise nie.

Umso mehr Grund, es hier einmal wieder in Erinnerung zu rufen.


Die sieben Jahreszeiten nach Karl Foerster

Foersters Einteilung folgt nicht dem Kalender, sondern der Naturbeobachtung. Entscheidend dabei sind Entwicklungsphasen und Blühmomente sogenannter Zeigerpflanzen:

Vorfrühling

(ca. Ende Februar bis Mitte März)
Schneeglöckchen, Krokusse und die Zaubernuss eröffnen das Jahr – noch zaghaft, aber unübersehbar.

foerster steingarten 1 vorfruehlingVorfrühling: Schneeglöckchen, Märzenbecher und Winterlinge

Frühling

(ca. Mitte März bis Ende Mai)
Tulpen, Narzissen und die Polsterstauden übernehmen. Blühende Gartenazaleen und Rhododendrsn rahmen den Steingarten. Jetzt wird das Frühjahr verbindlich.

Blühende Azalea molle HybridenFrühling: Azalea molle Hybriden als Rahmenpflanzung

Frühsommer

(Juni)
Pfingstrosen und Rittersporn erreichen ihre Hochphase. Der Garten zeigt Haltung.

blühender blauer RitterspornFrühsommer: Rittersporn-Blütezeit

Hochsommer

(Juli bis August)
Die Zeit der großen Prachtstauden. Phlox, von Foerster nicht umsonst als „Kronjuwel“ bezeichnet, steht im Mittelpunkt.

Frühherbst

(September bis Oktober)
Astern bestimmen das Bild, dazu die zunehmende Färbung der Gräser und Blätter. Reife statt Rückzug.

Spätherbst

(November)
Letzte Blüten, Samenstände, tragende Strukturen. Der Garten wird stiller, aber nicht leer.

Winter

(Dezember bis Februar)
Ruhezeit. Frost, Schnee und immergrüne Pflanzen prägen das Bild. Kein Nichts, sondern Konzentration.*

Sonnehut-Blütenstände im RauhreifWinter: Staudensonnehut-Blütenstände im Rauhreif

Schauen wir nach Japan, dort wird weitergezählt.

Aus japanischer Perspektive wirkt Foersters Einteilung fast grob. Dort wäre man mit vier und selbst mit sieben Jahreszeiten deutlich unterversorgt.

In der traditionellen japanischen Zeitrechnung gibt es:

  • 24 Jahresabschnitte (Sekki)
  • unterteilt in 72 Mikro-Jahreszeiten (Kō)

Jede dauert etwa fünf Tage und jede benennt eine konkrete Naturveränderung.



Beispiele für japanische Mikro-Jahreszeiten

  • Der Ostwind schmilzt das Eis
  • Die Pflaumenblüten duften
  • Frösche beginnen zu singen
  • Regen nährt das Getreide
  • Zikaden werden laut
  • Der Tau wird schwer
  • Wildgänse ziehen nordwärts
  • Der erste Frost erscheint

Keine Metaphern. Keine Symbolik. Nur präzise Beobachtung und Respekt vor dem Wandel.

Resümee: Genau hinschauen lernen

Interessanterweise berührte Karl Foerster mit seinem Steingarten-Buch ein Konzept, das in Japan seit Jahrhunderten gelebt wird. 
Es ist die Vorstellung einer hoch differenzierten Jahreszeitlichkeit, die nicht nur den Garten, sondern Alltag, Ästhetik und Weltverständnis prägt.

Foerster dachte von den Pflanzen her.
Die Japaner denken vom Geschehen her.

Beide eint etwas, das uns heute oft fehlt – Aufmerksamkeit.
Nicht alles auf einmal. Nicht alles gleichzeitig. Sondern das, was jetzt ist – und nur jetzt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Modernität dieses alten Gartenbuchs.
Und vielleicht lohnt es sich gerade heute, das Jahr wieder feiner zu lesen.

*Foerster betonte immer wieder: Ein Garten darf auch im Winter schön sein.
Deshalb spielten Farne und Gräser – von ihm poetisch „das Haar der Erde“ genannt – in seinen Entwürfen eine so große Rolle.

online verfügbar: Steingarten der sieben Jahreszeiten, 1939

BuchansichtDie 10. Auflage von 1987

➡️ Der Karl-Foerster-Garten in Bormnim (öffentliche Anlage)

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