FrühlingswaldKloppstock neigte zur Melancholie
Kloppstock neigte zur Melancholie

Das Gedicht von Ewald Christian von Kleist (1715–1759) aus der Zeit der Aufklärung ist wohl eines der längsten, die es über den Frühling gibt. Die Besonderheit des Werkes ist aber darin zu sehen, dass Kleist versucht hat, hier ein altes griechisches Versmaß, den Hexameter, anzuwenden. Der Hexameter gehört zu den daktylischen Versen und besteht aus sechs Versfüßen: fünf Daktylen und einem Spondeus oder Trochäus (Die ersten vier Daktylen können dabei durch Spondeen ersetzt werden). Notwendig ist nach jedem Hexameter eine Cäsur.

Der Dichter versuchte diesen antiken Versbau an die deutsche Sprache anzugleichen, was ihm, wie so manchem vor ihm und mit ihm (wie z.B. Johann Peter Uz 1720-1796) ) sicher nur ansatzweise gelang. In der Zeit der Romantik, wo das Gedankengut der griechischen Antike wieder mehr in den Hintergrund trat, hat man von solchen Versuchen wieder abgesehen.

Der Frühling

Empfangt mich heilige Schatten! ihr Wohnungen süsser Entzückung
Ihr hohen Gewölbe voll Laub und dunkler schlafender Lüfte!
Die ihr oft einsahmen Dichtern der Zukunft Fürhang zerrissen
Oft ihnen des heitern Olymps azurne Thoren eröffnet
Und Helden und Götter gezeigt; Empfangt mich füllet die Seele
Mit holder Wehmuth und Ruh! O daß mein Lebensbach endlich
Von Klippen da er entsprang in euren Gründen verflösse!
Führt mich in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Tugend
Der um sich die Schatten erhellt. Lehrt mich den Wiederhall reitzen
Zum Ruhm der verjüngten Natur. Und ihr, ihr lachenden Wiesen!
Ihr Labyrinthe der Bäche, bethaute Thäler voll Rosen!
Ich will die Wollust in mich mit eurem Balsamhauch ziehen
Und wenn Aurora euch weckt mit ihren Stralen sie trinken.
Gestreckt im Schatten will ich in güldne Sayten die Freude
Die in euch wohnet besingen. Reitzt und begeistert die Sinnen
Daß meine Thöne die Gegend wie Zefirs Lispeln erfüllen
Der jetzt durchs Veilchen-Thal fleucht, und wie die rieselnden Bäche.
Auf rosenfarbnem Gewölk bekränzt mit Tulpen und Lilien
Sank jüngst der Frühling vom Himmel. Aus seinen Busen ergoß sich
Die Milch der Erden in Ströhmen. Schnell glitt von murmelnden Klippen
Der Schnee in Bergen herab; Des Winters Gräber die Flüsse,
Worin Felshügel von Eis mit hohlem Getöse sich stiessen,
Empfingen ihn, blähten sich auf voll ungeduldiger Hoffnung
Durchrissen nagend die Dämme, verschlangen frässig das Ufer
Wald, Feld und Wiese ward Meer. Kaum sahn die Wipfel der Weiden
Im Thal draus wankend herfür. Gefleckte Täucher und Enten
Verschwanden, schossen herauf, und irrten zwischen den Zweigen
Wo sonst für Schmerzen der Liebe im Laub die Nachtigall seufzte.
Der Hirsch von Wellen verfolgt streift auf unwirthbare Felsen
Die traurig die Fluth übersahn. Ergriffene Bären durchstürzten
Das anfangs seichte Gewässer voll Wuth, sie schüttelten brummend
Die um sich giessenden Zoten. Bald sank der treulose Boden
Sie schnoben, schwammen zum Wald, umschlangen Tannen und Eichen
Und huben sich träufelnd empor. Hier hingen sie ängstlich im Wipfel
Von reissenden Winden, vom Heulen der Flüsse-speyenden Klippen
Und untern Tiefe gescheucht. Der Büsche versamlete Sänger
Betrachteten traurig und stumm von dürren Armen der Linden
Das vormals glückliche Thal, wo sie den flehenden Jungen
Im Dornstrauch Speise vertheilt. Die angekommene Lerche
Sich aufwerts schwingend, beschaute die Wasserwüste von oben
Und suchte verlassne Gefilde. Es flossen Schäuren und Wände
Und Dächer und Hütten herum. Aus Giebeln und gleitenden Kähnen
Versah der trostlose Hirt sich einer Sündfluth, die vormals
Die Welt umrollte, daß Gemsen in schlagenden Wogen versanken.

Der Boden trank endlich die Fluth. Von eilenden Dünsten und Wolken
Flohn junge Schatten umher. Den blauen Umfang des Himmels
Durchbrach ein blitzendes Gold. Zwar streute der weichende Winter
Noch oft bey nächtlicher Umkehr von den geschüttelten Schwingen
Reif, Eis und Schaure von Schnee; Noch liessen wütrische Stürme
Die rauhe dumpfigte Stimm aus Islands Gegend erthönen
Durchstreiften klagende Klüfte, verheerten taumelnde Wälder
Und bliesen Schrecken herum, und Überschwemmung von Kälte;
Bald aber siegte der vor noch ungesicherte Frühling.
Die Luft ward sänfter; Ein Teppich geschmückt mit Ranken und Laubwerk,
Von Büschen, Blumen und Klee, wallt auf Gefilden und Auen,
Die Schatten wurden belaubt, ein sanft Gethöne erwachte,
Und floh und wirbelt umher im Hayn voll grünlicher Dämmrung
Die Bäche färbten sich silbern, im Luftraum flossen Gerüche
Und Echo höret' im Grunde die frühe Flöte des Hirten.

Ihr! deren zweifelhaft Leben gleich trüben Tagen des Winters
Ohn Licht und Freude verfliesst, die ihr in Höhlen des Elends
Die finstere Stunden verseufzt, betrachtet die Jugend des Jahres!
Dreht jetzt die Augen umher, lasst tausend farbigte Scenen
Die schwarzen Bilder verfärben! Es mag die niedrige Ruhmsucht
Die schwache Rachgier, der Geiz und seufzender Blutdurst sich härmen
Ihr seyd zur Freude geschaffen, der Schmerz schimpft Tugend und Unschuld.
Saugt Lust und Anmuth in euch! schaut her! sie gleitet im Luft-Kreis
Und grünt und rieselt im Thal. Und ihr, ihr Bilder des Frühlings
Ihr blühenden Schönen! flieht jetzt den athemraubenden Aushauch
Von güldnen Kerkern der Städte. Komt! komt! in winkende Felder
Komt! überlasset dem Zefir zum Spiel die Wellen der Locken,
Seht euch in Seen und Bächen gleich jungen Blumen des Ufers
Pflückt Morgentulpen voll Thau, und ziert den wallenden Busen.

Hier wo zur Linken der Fels mit Strauch und Tannen bewachsen
Zur helfte den bläulichen Strohm, sich drüber neigend, beschattet,
Will ich ins grüne mich setzen an weinende steinichte Höhen
Und Thal und Ebne beschauen. O welch ein frohes Gewühle
Belebt das streifichte Land! wie lieblich lächelt die Anmuth
Aus Wald und Büschen herfür! Ein Zaun von blühenden Dornen
Umschliesst und röthet ringsum die sich verlierende Weite
Vom niedrigen Himmel gedrückt. Von bunten Moonblumen laufen
Mit grünen Weitzen versetzt, sich schmälernde Beeten ins ferne
Durchkreutzt von blühenden Flachs. Feldrosen-Hecken und Schleestrauch
In Blüthen gleichsam gehüllt, umkränzen die Spiegel der Teiche
Und sehn sich drinnen. Zur Seiten blitzt aus dem grünlichen Meere
Ein Meer voll güldener Strahlen, durch Phöbus glänzenden Anblick,
Es schimmert sein gelbes Gestade von Muscheln und farbigten Steinen
Und Lieb und Freude durchtaumelt in kleiner Fische Geschwadern
Und in den Riesen des Wassers die unabsehbare Fläche.

Auf fernen Wiesen am See stehn majestätische Rösse,
Sie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern für Wollust
Daß Hayn und Felsen erschallt. Gefleckte Kühe durchwaten,
Geführt vom ernsthaften Stier, des Meyerhofs büschichte Sümpfe
Der finstre Linden durchsieht. Ein Gang von Espen und Ulmen
Führt zu ihm, durch welchen ein Bach sich zeigt, in Binsen sich windend,
Von hellen Schwänen bewohnt. Gebürge die Brüste der Reben
Stehn frölich um ihn herum; Sie ragen über den Buchwald
Des Hügels Krone, davon ein Theil im Sonnenschein lächelt
Und glänzt, der andere traurt im Flor vom Schatten der Wolken.
Die Lerche steigt in die Luft, sieht unter sich Klippen und Thäler;
Entzückung thönet aus ihr. Der Klang des wirbelnden Liedes
Ergötzt den ackernden Landmann. Er horcht eine Weile; Denn lehnt er
Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braune Wellen im Erdreich
Verfolgt von Krähen und Elstern. Der Säemann schreitet gemessen,
Giesst güldne Tropfen ihm nach; Die zackichte Egge bewälzt sie
Mit einer ebenen Decke. O daß der mühsame Landwirth
Für sich den Seegen nur streute! daß ihn die Weinstöcke tränkten
Und in den Wiesen für ihn nur bunte Wogen sich wälzten!
Allein der frässige Krieg von zähnebleckendem Hunger
Und wilden Schaaren begleitet, verheeret oft Arbeit und Hoffnung;
Gleich Hagelgüssen und Sturm zerbricht er nährende Halmen
Reisst Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder
Für sich zum flammenden Lustspiel. Denn fliegt ein mördrisch Gethöne
Und Tod und Jammer herum. Die Thäler blitzen von Waffen,
Es wälzen sich Wolken voll Feur aus tiefen Schlünden der Stücke
Und füllen die Gegend mit Donner, mit Gluth und Saaten von Leichen.
Das Feld voll blutiger Furchen gleicht einem wallenden Blutmeer;
Ein Heer der furchtbarsten Thiere durch laufende Flammen geängstigt
Stürzt sich mit hohlem Gebrüll in uferfliehende Ströhme.
Der Wiederhall selber erschrickt und klagt; es zittern für Grauen
Die wilden Felsen und heulen. Des Himmels leuchtendes Auge
Schliesst sich die Grausamkeit scheuend; Mit blauer Finsterniß füllen
Sich aufwerts drehende Dämpfe gleich dickem Nebel den Luftkreis
Der oft vom Wiederschein blitzt. Wie, wann der Rachen des Etna
Mit ängstlich wildem Geschrey, daß Meer und Klippen es hören,
Umlegne Dörfer und Städte, vom untern Donner zerrüttet,
Mit Schrecken und Tod überspeyt und einer flammenden Sündfluth.

Ihr! denen zwanglose Völker das Steur der Herrschaft vertrauen
Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht ihr Väter der Menschen noch mehrere Kinder! Ists wenig
Viel Millionen beglücken? Erforderts wenige Mühe?
O mehrt derjenigen Heil die eure Fittige suchen!
Deckt sie gleich brütenden Adlern; Verwandelt die Schwerdter in Sicheln,
Belohnt mit Ehren und Gunst die, deren nächtliche Lampe
Den ganzen Erdball erleuchtet; Setzt Gärtner zur Baumschul der Menschen
Lasst güldne Wogen im Meer, fürs Land, durch Schiffarth sich thürmen,
Erhebt die Weisheit im Kittel, und trocknet die Zähren der Tugend.

Wohin verführt mich der Schmerz; Weicht, weicht, ihr traurigen Bilder,
Kom Muse! laß uns die Wohnung und häusliche Wirthschaft des Landmanns
Und Viehzucht und Gärte betrachten. Hier steigt kein Marmor aus Bergen
Und zeuget Kämpfer, kein Taxus spitzt sich vor Schlössern, kein Wasser
Folgt hier dem Zuruf der Kunst. Verschränkte wölkichte Wipfel
Von hohen Linden, beschatten ein Haus von Reben umkrochen
Durch Dorn und Hecken bevestigt. Ein Teich glänzt mitten in Hofe
Mit grünem Flos-Kraut bestreut, wodurch aus scheinbarer Tiefe
Des Himmels Ebenbild blinkt. Er wimmelt von zahmen Bewohnern.
Die Henne jammert ums Ufer, und ruft die gleitenden Entchen
Die sie gebrütet; Sie fliehn der Stiefmutter Stimme, durchplätschern
Die Fluth, und nagen am Schilff. Mit vorgebogenen Hälsen und zischernd, treiben die Gänse fern von der Lustbahn der Jungen
Den schwimmenden Schießhund. Denn spielen die haarigten Kinder, sie tauchen
Den Kopf ins Wasser und schnattern, sie hängen im Gleichgewicht abwerts
Und zeigen die rudernden Füsse. Hier lockt das Mägdchen die Hüner
Zum Hüner-Korbe, sie eilen, durchschlupfen die Sprossen des Tischsaals
Und fordern Nahrung. Die Wirthin sich drüber neigend, begiesst sie
Mit einem Regen von Korn, und sieht sie picken und zanken.
Dort lauscht das weisse Kaninchen in dunkler Höhle; Es drehet
Die rothen Augen herum, springt endlich furchtsahm zum Zaune
Und reisst an staudichten Pappeln. Aus seines Wohnhauses Fenster
Sieht sich das Lachtäubchen um, kratzt den roth-silbernen Nacken
Und fliegt zum Liebling aufs Dach. Er zürnt ob dessen Verweilen
Und dreht sich um sich und schilt; Bald rührt ihn das Schmeicheln der Schönen
Viel Küsse werden verschwendet, bis sie mit schnellem Gefieder
Die Luft durchlispeln, und aufwerts sich zu Gespielen gesellen
Die blitzend im Sonnenglanz schwärmen. Von blühenden Fruchtbäumen schimmert
Der Garten, die kreutzenden Gänge mit rother Dunkelheit füllen
Und Zefir gaukelt umher, treibt Wolken von Blüthen zur Höhe
Die sich ergiessen und regnen. Zwar hat hier Wollust und Hochmuth
Nicht Nahrung von Mohren entlehnt und sie gepflanzet; Nicht Myrthen
Nicht Aloen blicken durch Fenster. Das nutzbare Schöne vergnüget
Den Landmann, und etwan ein Kranz. Durch lange Gewölbe von Nuß-Strauch
Zeigt sich voll laufender Wolken der Himmel und ferne Gefilde
Voll Seen und büschichter Thäler umringt mit blauen Gebürgen.
Das Auge durchirret den Auftritt bis ihn ein näherer schliesset.
Die Fürstin der Blumen die Lilie erhebt die Krone zur Seiten
Hoch über streifichte Tulpen. Seht! wie die Kinder des Frühlings
Liebkosend winken; Wie glänzt der Grund von lebenden Stoffen!
Die holde Mayblume drengt die Silberglöckchen durch Blätter
Und manche Rose durchbricht schon ungeduldig die Knospe.
Es steigt unsehbarer Regen von lieblichen Düften zur Höhe
Und füllt die Lüfte mit Balsam. Die Nacht-Viole lässt immer
Die stölzere Blumen den Duft verhauchen; Voll Edelmuth schliesst sie
Ihn ein, im Vorsatz den Abend noch über den Tag zu verschönern.
Ein Bildniß grosser Gemüther, die nicht gleich prahlrischen Kämpfern
Der Kreis von Zuschauern reitzt, die tugendhaft wegen der Tugend
In der Verborgenheit Schatten Gerüche der Wohlthaten streuen.
Seht hin! wie brüstet der Pfau sich dort am farbigten Beete
Voll Eifersucht über die Kleidung der frölichen Blumen stolzirt er,
Kreist rauschend den grünlichen Schweif voll Regenbögen, und wendet
Den farbenwechselnden Hals. Die Schmetterlinge sich jagend
Umwälzen sich über den Bäumen mit bunten Flügeln; voll Liebe
Und unentschlossen im wählen beschauen sie Knospen und Blüte.
Indessen impfet der Herr des Gartens Zweige von Kirschen
Durchsägten Schleestämmen ein, die künftig über die Kinder
Die sie gesäuget erstaunen. Das Bild der Anmuth die Hausfrau
Sitzt in der Laube von Reben, pflanzt Stauden und Blumen auf Leinwand,
Die Freude lächelt aus ihr. Ein Kind der Gratien Liebling
Stört sie durch Plappern, am Hals mit zarten Armen ihr hangend,
Ein andres tändelt in Klee, sinnt nach, und stammlet Gedanken.

O dreymal seliges Volk das ohne Stürme des Unglücks
Das Meer des Lebens durchschifft, dem einsahm in Gründen die Tage
Wie sanfte Weste verpfliegen! Laß andre, dem wimmelnden Pöbel
Der Bäum und Dächer ersteigt zur Schau, in Siegswägen gleissen
Von Elephanten gezogen; Laß sie der Wellen Gebürge
Mit Wolken von Seegeln bedecken, und Japan in Westen versetzen,
Der ist ein Günstling des Himmels, den, fern von Foltern der Laster
Die Ruh an Quellen umschlingt. Auf ihn blickt immer die Sonne
Von oben lieblich herab, ihm braust kein Unglück in Wogen
Er seufzt nicht thörichte Wünsche, ihn macht die Höhe nicht schwindelnd,
Die Arbeit würzt ihm die Kost, sein Blut ist leicht wie der Ether
Sein Schlaf verfliegt mit der Dämmrung, ein Morgenlüftchen verweht ihn.

Ach! wär auch mir es vergönnt in euch, ihr holden Gefilde
Bestürmter Tugenden Häfen! ihr stillen Häuser des Friedens!
Gestreckt in wankende Schatten am Ufer schwatzhafter Bäche
Hinfort mir selber zu leben, und Leid und niedrige Sorgen
Vorüberrauschender Luft einst zuzustreuen! Ach möchte
Doch Doris die Thränen in euch von diesen Wangen verwischen
Und bald Gespräche mit Freunden in euch mein Leiden versüssen,
Bald redende Todte mich lehren, bald tiefe Bäche der Weisheit
Des Geistes Wissensdurst stillen! Denn gönnt ich Berge von Demant
Und goldne Klüfte dem Mogol, denn möchten kriegrische Zwerge
Fels-hohe Bilder sich hauen, die steinerne Ströhme vergössen,
Ich würde sie nimmer beneiden. Du Meer der Liebe, o Himmel!
Du ewger Brunnen des Heils! soll nie dein Ausfluß mich tränken?
Soll meine Blume des Lebens erstickt von Unkraut verblühen?
Nein, du beseligst dein Werk. Es lispelt ruhige Hoffnung
Mir Trost und Labsal zum Herzen; Die Dämmrung flieht vor Auroren,
Die finstre Decke der Zukunft wird aufgezogen, ich sehe
Ganz andre Scenen der Dinge und unbekannte Gefilde.
Ich sehe dich himmlische Doris! du komst aus Rosengebüschen
In meine Schatten, voll Glanz und majestätischem Liebreitz;
So trit die Tugend einher, so ist die Anmuth gestaltet.
Du singst zur Cyther und Phöbus bricht schnell durch dicke Gewölke
Die Stürme schweigen; Olymp merkt auf; Das Bildniß der Lieder
Thönt sanft in fernen Gebürgen, und Zefir weht mirs herüber.
Und du mein redlicher Gleim du steigst vom Gipfel des Hömus
Und rührst die Tejischen Sayten voll Lust. Die Thore des Himmels
Gehn auf, es lassen sich Cypris und Huldgöttinnen und Amor
Voll Glanz auf funkelnden Wolken in blauen Lüften hernieder,
Und singen lieblich darein. Der Sternen weites Gewölbe
Erschallt vom frohen Concert. Kom bald in meine Reviere
Kom! bring die Freude zu mir, beblüme Triften und Anger
O Paar! Zweck meiner Begierden, du milde Gabe der Gottheit.
Doch wie, erwach ich vom Schlaf? wo sind die himmlischen Bilder?
Welch ein anmuthiger Traum betrog die wachenden Sinnen?
Er flieht von dannen, ich seufze. Zuviel, zuviel vom Verhängniß
Im Durchgang des Lebens gefodert! Solch Heil gewährt nur die Hoffnung
Sein Schatten macht schon beglückt, selbst wird michs nimmer erfreuen.

Allein was quält mich die Zukunft; Weg ihr vergeblichen Sorgen,
Laß mich der Wollust geniessen die jetzt der Himmel mir gönnet,
Laß mich das fröliche Landvolk in dicke Haynen verfolgen
Und mit der Nachtigall singen, und mich beym seufzenden Giesbach
An Zefirs Thönen ergötzen. Ihr dichten Lauben, von Händen
Der Mutter der Dinge geflochten! ihr dunkeln einsahmen Gänge
Die ihr das Denken erhellt, Irrgärten voller Entzückung
Und Freude, seyd mir gegrüsst! Was für ein angenehm Leiden
Und Ruh und sanftes Gefühl durchdringet in euch die Seele!
Durchs hohe Laubdach der Schatten das streichende Lüfte bewegen,
Worunter ein sichtbares Kühl in grünen Wogen sich wälzet,
Blickt hin und wieder die Sonne, und übergüldet die Blätter,
Die holde Dämmrung durchgleiten Gerüche von Blüthen der Hecken
Die Flügel der Westwinde duften. In überirrdischer Höhle
Von krausen Sträuchen gezeugt, sitzt zwischen Blumen der Geißhirt
Bläst auf der hellen Schalmey, hält ein, und höret die Lieder
Hier laut in Buchen erthönen, dort schwach, und endlich verlohren,
Bläst, und hält wiederum ein. Tief unter ihn klettern die Ziegen
Am jähen Absturz der Kluft, sie reissen an bittern Gestäude,
Theils irren sie oben im Klee des Thals; Ihr bärtiger Ehmann
Ersteigt die über den Teich sich neigende Weide, beraubt sie
Der bläulichen Blätter und schaut von oben ernsthaft herunter.
Mit leichten Läuften streicht jetzt ein Heer gefleckter Hindinnen
Und Hirsche mit Ästen gekrönt durch grüne rauschende Büsche
Setzt über Klüfte, Gewässer und Rohr. Moräste vermissen
Die Spur der fliegenden Last. Gereitzt vom Frühling zur Liebe
Durchstreichen muthige Rösse den Wald mit flatternden Mähnen,
Der Boden zittert und thönt, es strotzen die Zweige der Adern,
Ihr Schweif empört sich verwildert, sie schnauben Wollust und Hitze
Und brechen, vom Ufer sich stürzend, die Fluth der Ströme zur Kühlung.
Dann setzen sie über das Thal auf hohe Felsen und schauen
Fern über den niedrigen Hayn aufs Feld durch seegelnde Dünste
Und wiehern aus Wolken herab. Jetzt eilen Stiere vorüber,
Aus ihrer Nasen raucht Brunst, sie spalten mit Hörnern das Erdreich
Und toben im Nebel von Staub. Verschiedne taumeln in Höhlen
Und brüllen dumpficht heraus, verschiedne stürzen von Klippen.
Aus ausgehöltem Gebürge fällt dort mit wilden Getümmel
Ein Fluß ins büschichte Thal reisst mit sich Stücke von Felsen
Durchrauscht entblössete Wurzeln der untergrabenen Bäume
Die über fliessende Hügel von Schaum sich bücken und wanken;
Des Waldes Laubgrotten thönen umher, und klagen darüber.
Es stutzt ob solchem Getöse das Wild und eilet von dannen,
Sich nahende Vögel verlassen, im Singen gehindert, die Gegend
Und suchen ruhige Stellen, wo sie den Gatten die Fühlung
Verliebter Schmerzen entdecken in pyramidnem Gesträuche
Und streiten gegen einander mit Liedern von Zweigen der Buchen.
Dort will ich lauschen und sie sich freun und liebkosen hören.
Fließ sanft o gläsernes Flüßchen! still! ächzende Zefirs im Laube
Schwächt nicht ihr buhlrisches Flistern. Schlagt laut Bewohner der Wipfel
Schlagt, lehrt mich euren Gesang! Sie schlagen; Symphonische Thöne
Durchfliehn von Eichen und Dorn des weiten Schattensaals Kammern
Die ganze Gegend wird Schall. Der Fink, der röthliche Hänfling
Pfeift hell aus Buchen. Ein Heer von tulpenfarbgen Stieglitzen
Hüpft hin und wieder auf Strauch, beschaut die blühende Distel,
Ihr Lied hüpft frölich wie sie. Der Zeisig klaget der Schönen
Sein Leiden aus Zellen vom Laub. Vom Ulmbaum flötet die Amsel
In hohlen Thönen den Baß. Nur die geflügelte Stimme
Die kleine Nachtigall weicht aus Ruhmsucht in einsahme Gründe
Durch dicke Wipfel umwölbt, der Traurigkeit ewige Wohnung,
(Worinn aus Lüften und Feld der Nacht verbreitete Schatten
Sich scheinen verenget zu haben, als sie Auroren entwichen)
Und macht die schreckbare Wüste zum Luftgefilde des Waldes.
Dort tränkt ein finsterer Teich ringsum sich Weidengebüsche
Auf Ästen wiegt sie sich da, lockt laut und schmettert und wirbelt
Daß Grund und Einöde klingt. So rasen Chöre von Sayten.
Jetzt girrt sie sänfter, und läuft durch tausend zärtliche Thöne
Jetzt schlägt sie wieder mit Macht. Oft wenn ihr Liebling durch Vorwitz
Sich in belaubten Gebaur des grausamen Voglers gefangen
Der fern im Lindenbusch laurt; Denn ruhn der Lustlieder Fugen
Denn fliegt sie ängstlich umher, ruft ihrer Wonne des Lebens
Durch Klüfte, Felsen und Wald, seufzt unaufhörlich und jammert
Bis sie für Wehmuth zuletzt halbtodt zum Hecken herabfällt
Worauf sie gleitet und wankt mit niedersinkenden Haupte.
Da klaget um sie der Schatten des todten Lieblings, da dünkt ihr
Ihn wund und blutig zu sehn. Bald thönt ihr Jammerlied wieder
Sie setzt es Nächte lang fort und scheint bey jeglichen Seufzer
Aus sich ihr Leben zu seufzen. Die nahen sträuchichten Hügel
Hierdurch zum Mitleid bewogen, erheben ein zärtlich Gewinsel.

Allein was kollert und girrt mir hier zur Seiten vom Eichstamm
Der halb vermodert und zweiglos von keinem Geflügel bewohnt wird?
Teuscht mich der Einbildung Spiel? Sieh! plötzlich flattert ein Täubchen
Aus einen Astloch empor mit wandelbaren Gefieder,
Dieß zeugte den dumpfichten Schall im Bauch der Eichen. Es gleitet
Mit ausgespreiteten Flügeln ins Thal, sucht nickend im Schatten
Und schaut sich vorsichtig um mit dürren Reisern im Munde.
Wer lehrt die Bürger der Zweige voll Kunst sich Nester zu wölben
Und sie für Vorwitz und Raub, voll süssen Kummers, zu sichern?
Welch ein verborgener Hauch füllt ihre Herzen mit Liebe?
Durch dich ist alles was gut ist, unendlich wunderbar Wesen
Beherscher und Vater der Welt! Du bist so herrlich im Vogel
Der niedrig in Dornstauden hüpft, als in der Veste des Himmels,
In einer kriechenden Raupe, wie in dem flammenden Cherub.
See sonder Ufer und Grund! aus dir quillt alles, du selber
Hast keinen Zufluß in dich. Die Feuermeere der Sternen
Sind Wiederscheine von Tropfen des Lichts in welchem du leuchtest.
Dein Wagen sind gleitende Wolken, dein Herold geflügelte Winde
Sie eilen und melden dich an in Thönen voll heiligen Grauens.
Aurora dient dir zum Stuhl. Die Himmel unzehlbarer Sphären
Mit güldnem Schimmer durchbrochen, sind deiner Sääle Tapeten.
Du drohst den Stürmen, sie schweigen, berührst die Berge, sie rauchen,
Das Heulen aufrührischer Meere die zwischen wässernen Felsen
Den Sand des Grundes entblössen, ist deiner Herrlichkeit Loblied.
Der Donner mit Flammen beflügelt verkündigt mit brüllender Stimme
Die hohen Thaten von dir. Für Ehrfurcht zittern die Hayne
Und wiederhallen dein Lob. Heerscharen funkelnder Wächter
Der blauen Lüfte, verbreiten in tausend harmonischen Thönen
Die Grösse deiner Gewalt und Huld von Pole zu Pole.
Doch wer berechnet die Menge von deinen Wundern! wer schwingt sich
Durch deine Tiefe o Schöpfer! Vertraut euch Flügeln der Winde
Ruht auf den Pfeilen des Blitzes, durchstreicht den Glanzvollen Abgrund
Der Gottheit, ihr endlichen Geister! durch tausend Alter des Weltbaus,
Ihr werdet dennoch zuletzt kein Pünktchen näher dem Grunde
Als bey dem Ausfluge seyn. Verstummt denn bebende Sayten!
So preist ihr würdger den HERRN.

Ein Fluß von lieblichem Duft den Zefir mit säuselnden Schwingen
Von nahgelegener Wiese herbeyweht, nöthigt mich zu ihr.
Da will ich an schwirrendem Rohr in ihrer Blumenschooß ruhend
Mit starken Zügen ihn einziehn. Kom zu mir Liebling Minervens
Mein treuster – – – – durch den jüngsthin der Winter mir grünte
Von dessen Lippen die Freude zu meinem Busen herabströhmt,
Kom! leg dich zu mir und mach die Gegend zur himmlischen Wohnung.
Laß uns der Kinder der Flora Gestalt und Liebe bewundern
Und spotten mit ihnen geschmückt des hohen Pöbels im Purpur.
Besing die Schönheit der Tugend; Laß deines Mundes Gespräche
Mir süsser als Rosenduft seyn. Hier ist der Gratien Lustplatz
Kunstlose Gärte durchirrt hier die Ruh, hier rieselt Entzückung
Mit hellen Bächen heran. Den grünen Kleeboden schmücken
Zerstreute Wälder von Blumen. Ein Meer von holden Gerüchen
Wallt unsichtbar über der Flur in grossen taumelnden Wogen
Von lauen Winden durch wühlt. Es ist durch tausend Bewohner
Die bunte Gegend belebt. Hochbeinigt watet im Wasser
Dort zwischen Kräutern der Storch, und blickt begierig nach Nahrung,
Dort gaukelt der Kiwitz und schreyt ums Haupt des müssigen Knaben
Der seinem Neste sich naht. Jetzt trabt er vor ihm zum Ufer
Als hätt er das Fliegen vergessen, reitzt ihn durch Hinken zur Folge
Und lockt ihn endlich ins Feld. Unzehlbare schimmernde Würmchen
Umflattern freudig den Schilf, theils laufen sie unten im Grase
Durch Labyrinthe von Blumen in rothen und güldenen Schatten
Und glauben im Haynen zu irren. Zerstreute Heere von Bienen
Durchsäuseln die Lüfte, sie fallen auf Klee und blühende Stauden
Und hängen glänzend daran wie Thau vom Mondschein vergüldet;
Denn eilen sie wieder zur Stadt die ihnen im Winkel des Angers
Der Landmann aus Körben erbaut. Rechtschaffner Weltweisen Bildniss
Die sich der Heymath entziehn, der Menschheit Gefilde durchsuchen,
Und denn heimkehren zur Zelle mit süsser Beute beladen
Und liefern uns Honig der Weisheit. Ein See voll fliehender Wellen
Rauscht in der Mitte der Au, draus steigt ein Eiland zur Höhe
Mit Bäumen und Hecken gekrönt, das wie vom Boden entrissen
Scheint gegen die Fluthen zu schwimmen. In einer holden Verwirrung
Prangt drauf der Hanbuttenstrauch voll feuriger Sternchen, der Quitzbaum,
Holunder, raucher Wacholder, und sich umarmende Palmen.
Das Geißblat schmiegt sich an Zweige der wilden Rosengebüsche,
Aus Wollust küssen einander die jungen Blüthen, und hauchen
Mit süssen Athem sich an. Um bunte Kränze des Erdreichs
Schleicht Brombeer langsahm im Klee, zieht grüne Netze dazwischen
Mit sich durchkreutzenden Ranken. Der blühnde Hagdorn am Ufer
Bückt sich hinüber aus Stolz und sieht verwundernd im Wasser[50]
Den weissen und röthlichen Schmuck. O Schauplatz der du die Freude
Ins Herzens innerstes mahlst, ach! daß die Wärme die annoch
Seitdem der Winter von uns entflohn, kein Regen gemildert
Dich samt Gefilden und Gärten die nach Erfrischung sich sehnen
Doch nicht der Zierde beraubte und seiner Hoffnung den Landmann!
Erquick sie gnädiger Himmel und überschütte von oben
Mit deiner Güte die Erde. – – – Er komt! er komt! in den Wolken
Der Seegen, dort taumelt er her, und wird sich in Ströhmen ergiessen.
Schon streicht der Westwind voran, schwärmt in den Blättern der Bäume
Und wirbelt die Saaten wie Strudel. Die Sonn eilt hinter den Fürhang
Von Baumwoll ähnlichem Dunst; Es stirbt der Schimmer des Himmels
Und eine Decke von Schatten läuft über Thäler und Hügel.
Gekraust durch silberne Zirkel die sich vergrössernd verschwinden
Verräth die Fläche des Wassers den noch nicht sichtbaren Regen. – – –
Jetzt fällt er häuffiger nieder sich wie Gewebe durchkreutzend,
Kaum schützt des Erlenbaums Zelt mich für den rauschenden Güssen.
Der Wind umwälzt sich in ihm und treibt ihn vor sich wie Seegel
Er macht die Lüfte voll Tropfen zur See voll wallender Fluthen.
Das Volk das kürzlich aus Wolken die Gegend mit Liedern erfüllte
Schweigt und verbirgt sich in Büsche. Im Lindenthal drengt sich in Kreisen
Vom Dach der Zweige bedeckt die Wollenheerde um Stämme,
Feld, Luft und Höhen sind öde nur Schwalben schiessen in Schaaren
Im Regen, die Teiche beschauend. – – – Die Augenlieder die jetzo
Das Auge des Weltkreises deckten, die Dünst' erheben sich plötzlich
Nun funkelt die Bühne des Himmels, nun sieht man hangende Meere
In hellen Tropfen zerrinnen und aus den Lüften verschwinden,
Es lachen die Gründe voll Blumen, und alles freut sich ob flösse
Der Himmel selber zur Erden. Jedoch schon schiffen von neuem
Beladne Wolken vom Abend und hemmen wieder das Licht
Sie schütten Seen herab, und säugen die Felder wie Brüste. – – –

Auch die vergiessen sich endlich. Ein güldner Regen von Strahlen
Füllt jetzo wieder die Luft; Der grüne Hauptschmuck der Felsen,
Voll von den Saaten der Wolken, spielt blendend gegen der Sonne;
Verjüngt, voll Schimmer und lächelnd, voll Lichter Streifen und Kränze
Sehn die Gefilde mich an. Tauch in die Farben Aurorens
Mahl mir die Landschaft, o du! aus dessen ewigen Liedern
Der Aare Ufer mir duften und vor den Angesicht prangen,
Der sich die Pfeiler des Himmels die Alpen die er besungen
Zu Ehrensäulen gemacht. Wie blitzt die streifichte Wiese
Von Demant ähnlichen Tropfen! wie lieblich regnen sie seitwerts
Von farbigten Blumengebüschen und blühenden Kronen der Sträuche.
Die Kräuter sind wieder erfrischt und hauchen stärkre Gerüche,
Der ganze Himmel ist Duft. Getränkte Halmen erheben
Froh ihre Häupter, und scheinen die Huld des Himmels zu preisen.

Grünt nun ihr holden Gefilde! ihr Wiesen und Schlösser vom Laube!
Grünt, seyd die Freude des Volks! Dient meiner Unschuld hinführo
Zum Schirm, wenn Boßheit und Stolz aus Schlössern und Städten mich treiben.
Mir wehe Zefir aus euch durch Blumen und Hecken noch öfter
Ruh und Erquickung ins Herz. Lasst mich in euren Revieren
Den HErrn und Vater der Welt, der Segen über euch breitet
Im Strahlenkreise der Sonnen, im Thau und träufelnden Wolken,
Noch ferner auf Flügeln der Winde mit Augen des Geistes erblicken
Und melden voll heiliger Regung sein Lob antwortenden Sternen.
Und wenn nach seinem Geheiß mein Ziel des Lebens herannaht,
Denn sey mir endlich in euch die letzte Ruhe verstattet.

1749

Quellen/Literatur:

  • Ewald Christian von Kleist: Sämtliche Werke. Stuttgart 1971
  • Brockhaus' Konversations-Lexikon, Neunter Band, Leipzig 1908