LandschaftAugusttag.
Augusttag.

Sanft – so dehnt sich mein Herz ... Ein sommerliches Gedicht in drei kurzen Versen, einfach zu lernen, da es einprägsame Worte und Bilder sind von der eher unbekannten deutschen Dichterin Ina Seidel (1885 – 1974).

∼ Augusttag ∼

Sanft - so dehnt sich mein Herz,
Segel, gehoben von Luft,
Sehnt sich weit länderwärts,
Stiller, blauer August -
Sanft so dehnt sich mein Herz.

Silberne Fäden fliehn
An mir vorüber im Wind,
Schimmernde Wolken ziehn,
Wege bedrängen mich lind.

Wege verlocken mein Herz,
Einer dem andern mich gibt,
Wiesenzu, wälderwärts:
Oh, wie die Erde mich liebt! -
Sanft - so dehnt sich mein Herz ...

© Ina Seidel

Interpretation

Wer schon einmal ein ordentliches Stück Weg durch Wiesen und Felder gewandert ist, dem sind diese Verse schon um einiges vertrauter und verständlicher, als dem zu oft in der Stube sitzenden, sich wenig fortbewegenden, Mitmenschen. Was vielen dieser Leute noch nicht bewusst geworden ist, dass ist der Umstand, das Wandern und Laufen einiges von dem hat, was andere als Meditation bezeichnen. Nennen wir das Wandern Pilgern, so wird sich jeder für das Letztere mit ehrfürchtiger Mine verständlich zeigen. Dabei ist Pilgern auch nichts anderes als Laufen.
Doch wir müssen nicht unbedingt de Jakobsweg nach Santiago de Compostela sein. Wer schweigend und mit offenem Herzen auch nur eine Stunde durch Wiesen und Felder geht, wird merken, dass sich hier in kultivierter Natur ganz andere Gedanken finden, als im Alltag. Der Mensch fühlt sich wieder als Mensch und findet im Äußeren eine innerer Freiheit und Ursprünglichkeit: "Sanft - so dehnt sich mein Herz".

Übrigens: Seit ich das Sommergedicht kenne, bemerke ich, dass diese schönen weißen Cumuluswolken auf himmelblauem Hintergrund, typisch für die Augusttage sind. Das Auge schaut dann auf der letzten Höhe des Sommers gern in diese sehnsuchtsvolle Ferne und träumt, bis im Herbst und Winter Stück für Stück das Nahe und das um uns liegende, relevanter wird.