Weite Winterlandschaft und Sonnenuntergang
Lichtmesstag 2004

Stille Luft und eingewölkte Himmelskuppel... Ein Naturgedicht zu Lichtmess von der deutschen Lyrikerin Ina Seidel. Das Kirchenfest Lichtmess oder Mariä Lichtmess ('Die Darstellung des Herrn') wird vierzig Tage nach Weihnachten, am 2. Februar gefeiert und bildet das Ende der weihnachtlichen Feste; und damit auch fast schon der Winterzeit.

∼ Lichtmess ∼

Stille Luft und eingewölkte Himmelskuppel, hinter deren
Lichter Alabasterwölbung steht mit silberklaren schweren
Strahlenschwertern ausgebreitet, abgedämpft und göttlich fern:

Der im Winterdunst verlorne,
Der ersehnte, neu geborne
Ungeheure Sonnenstern.

©1940 I. Seidel

Gedichtinterpretation

Das Gedicht beschreibt keinen Sonnenaufgang im meteorologischen Sinn, sondern eine Wiederkehr des Lichts aus der Ferne – vorsichtig, verhüllt, noch nicht warm, aber von ungeheurer Bedeutung.

Die „eingewölkte Himmelskuppel“ wirkt wie eine schützende Schale: Der Himmel ist nicht offen, nicht klar, sondern gespannt, gesammelt. Dahinter steht die „Alabasterwölbung“ – ein Bild für ein Licht, das noch nicht greift, sondern wartet. Alabaster ist lichtdurchlässig, aber nicht durchsichtig: Das Licht ist da, doch gedämpft, nicht grell, nicht triumphal.



Die „silberklaren schweren Strahlenschwerter“ verleihen dem Licht eine fast sakrale Würde. Es ist kein sanftes Frühlingslicht, sondern ein ernstes, winterliches Licht, das sich Bahn bricht. Schwer, klar, aufrecht – eher Offenbarung als Aufhellung. Dass sie „abgedämpft und göttlich fern“ bleiben, betont die Distanz: Das Licht ist noch nicht menschlich nah, sondern kosmisch.

In der Schlussstrophe wird die Sonne nicht einfach benannt, sondern erlöst:

Der im Winterdunst verlorne,
Der ersehnte, neu geborne
Ungeheure Sonnenstern.

Die Sonne war nicht weg – sie war verloren im Dunst, im Unklaren, im Schweigen des Winters. Nun erscheint sie neu geboren, nicht als Kind, sondern als „ungeheuer“: groß, übermenschlich, wirksam. Das ist kein Anfang im Kalender, sondern ein Wendepunkt im Empfinden.

Lichtmess als Schwellenmoment

Lichtmess markiert hier keinen Sieg des Lichts, sondern seine Rückkehr in Würde. Noch ist nichts leicht, nichts gelöst – aber das Entscheidende ist geschehen:
Das Licht ist wieder ansprechbar.

Nicht zufällig passt das Gedicht zu Lichtmess:
Es ist das Fest, an dem das Licht nicht mehr nur gehofft, sondern wieder gesehen werden kann – auch wenn es noch kalt bleibt.

[TJ.33.7][Zählmarke]

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