Lyra auf einer Grabplatte
Lyra und Palmzweig auf einem Grabmal des frühen 19. Jahrhunderts

Die Lyra, die antike Harfe ist ein Symbol für die Lied- oder Dichtkunst – leitet sich von dieser ja auch die Lyrik ab, also die Dichtkunst, welche mit der Begleitung durch die Lyra vorgetragen wurde. Neben diesen Künsten steht die Lyra auch für den Tanz, denn die Lyra ist auch das Attribut der Musen Erato und Terpsichore, die Musen des Gesanges und Tanzes – dazu unten mehr. Neben diesen Bedeutungen steht die Lyra in ihrer symmetrischen Grundform weiterhin für die Harmonie als philosophisches Grundkonzept.

Lyra und Tetrachord (vierseitige Harfe)

Bild: Eine Lyra, sehr zurückhaltend graviert auf Jurakalkstein für einen Kirchenmusiker. Stilisiert ist sie hier mit fünf Seiten. Die klassische Lyra besitzt sieben Seiten. Die vierseitige Harfe bezeichnet man als Tetrachord.

Harfe Lyra Symbol auf einem Grabmal

Bei den Neuplatonikern (Proclus Lycaeus, 412 bis 485) ist die vierseitige Lyra (Tetrachord) Symbol für des Feuer und für die Luft und für das Flüchtige, doch je nach dem Zusammenhang, in dem sie steht ist sie auch dualistisches Symbol für Wasser (Bewegung) und Erde (Unbeweglichkeit, Dichte und Schwerfälligkeit). Auf den ersten Blick scheint uns diese Auslegung etwas weit hergeholt, doch das Geheimnis der Symbolik, welche sich um die Lyra rankt, ist vielschichtiger als wir denken, denn die Lyra und die Gesetzte der Harmonielehren der Musik überhaupt, war für die Platoniker ein Symbol der Harmonie innerhalb des Kosmos, also der Gegenkraft des Chaos. Unter dem Wortsinn "Harmonie", welches besser mit Ebenmaß (altgriechisch ἁρμονία harmonía) zu übersetzten ist, verstand man eigentlich die Vereinigung von zwei Gegensätzen zu einer Ganzheit zu einer Symmetrie (Lyra mit symmetrischer Form!) und Harmonie, wobei linguistisch in die indogermanische Silbe ar bzw. har diesen Sinn verkörpert. Mit diesem Begriff der Harmonie sind wir ganz nahe bei dem Ursinn der Religion, lateinisch religio, was so viel wie Rück-Legierung, also Rückbindung bedeutet. Doch machen wir zunächst noch einen Exkurs in die alte griechische Mythologie, von der sich die Harfe als Attribut verschiedener Götter und Heroen ableitet.

Die Lyra in den griechischen Mythen

Apollon und die Musen

Symbol Lyra Apollon Musen attisch KelchkraterDie neun Musen sind die Schutzgöttinnen der Künste, bei denen wir oft das Saiteninstrument als Attribut finden. Eine von ihnen, Kalliope, ist die Mutter des Orpheus, der sehr oft abgebildet mit Lyra dargestellt wird (Bild unten). Vasenbild rechts: Erato und Terpsichore (beide mit Lyra) sind Musen des Gesanges und des Tanzes – dabei steht rechts Apollon (auch Geliebter der Muse Terpsichore), der ebenfalls das Instrument als Attribut trägt, denn er ist der Gott der Künste Musik, Dichtkunst, Gesang. Der Neuplatoniker Salustios (einem spätantiker Philosophen) sieht in dieser Symbolik den Apollon der die Saiten die Lyra stimmt, auf eine überkosmische Kraft (Gesetzmäßigkeit) einer harmonischen Weltordnung hin, die den Kosmos bewahrt. Doch Apollon ist auch die Gottheit der Mäßigung und des Lichtes, wobei die Mäßigung, das Maß halten und das Einsicht üben ein Teilaspekt der Harfen-Symbolik darstellt. Aber auch der oben erwähnte Orpheus ist ein Gegner der Maßlosigkeit und ein Gegenspieler des ekstatischen Dionysos.

Orpheus und weitere griechische Götter

Tod des Orpheus mit LyraDie Lyra ist Attribut und Kennzeichen verschiedener griechischer Götter, wie Apollon (oben erwähnt), Orpheus. Das man die Harfe oft in der Grabmalsymbolik findet, hat sicher auch mit der Geschichte von Orpheus und Eurydike zu tun und die Beziehung zur Welt der Toten ist später sogar im christlichen Sinne interpretiert worden. Tatsächlich finden sich in der alten Katakombenkunst Orpheus- und Christusdarstellungen mit Lyra. Auch auf der Abbildung finden wir die Harfe im Zusammenhang mit dem Tod: Orpheus, Sohn der Muse Kalliope, wird von einer thrakischen Verehrerin (röm. Baccantin) des Gottes Dionysos getötet. Das Saiteninstrument findet sich weiterhin bei der Göttin der Harmonie Harmonia, oder im Zusammenhang mit dem Windgott Aiolos (Aeolus, Äolus, Äolsharfe). Äolsharfe sind heutigentags mitunter auch akustische Gestaltungselemente in der Gartengestaltung. Anleitungen zum Bau solcher einfachen Instrumente gibt es im Internet.

Hermes, der Erfinder der Lyra

Nahe an dem griechischen Windgott Aiolos ist der Götterbote Hermes angesiedelt, der in seinem Ursprung vermutlich selber eine solche Gottheit der Winde und Lüfte war. Dieser gilt als Als Erfinder der Lyra. Er, der Götterbote, beförderte als Neugeborener, nachdem er aus seiner Wiege kletterte, sogleich eine Schildkröte vom Leben zum Tode. Aus dem Panzer der Schildkröte fertigte er dann die erste Lyra an, indem er sie mit Fell bespannte und Saiten befestigte. Tatsächlich ist die Lyra in ihrer Urform ein recht archaisches Musikinstrument, denn ursprünglich war sie ein, mit Kuhhaut überzogener Schildkrötenpanzer oder der Resonanzkörper war aus einem Tierschädel gefertigt. Übrigens stahl der junge Gott Hermes noch am selben Tag auch noch Kühe aus der Kuhherde des Apollon, wobei er von diesem allerdings gestellt wurde. Zur Sühne schenkte er Apollon seine selbst gebaute Harfe. Apollon nahm die Angelegenheit nicht übel und schenkte dem jungen Gott einen goldenen Heroldsstab. Dieser Hermesstab ist selber wiederum ein im Wesen ähnliches Symbol, welcher mit den am Stabe sich windenden zwei Schlangen den Ausgleich der Dualitäten darstellt, und so ein Sinnbild der Harmonie ist.

Weitere Bedeutungen, Berufssymbole

Die Harfe gilt im Mittelalter auch als königliches Instrument, weil der alttestamentliche König David (Vater des Salomo) als Verfasser zahlreicher biblischer Psalmen galt, welche er mit Begleitung seiner Harfe vortrug. Die Harfe ist ein Bild für Feierlichkeit und Besinnlichkeit und mitunter hat sie auch die Bedeutung als Traumsymbol.

Berufssymbol Schriftsteller Harfe Buch Feder Pinsel

Die Harfe als Traumsymbol

Die Harfe kann wegen ihrer "weiblichen" Form auch sexuelle Bedeutung haben. Die Bedeutung von Musik im Traum wird dadurch gedeutet, welche Stimmung sie auf den Träumenden ausübt.

Harfe und Baum symbolistisch kombiniert

Zum Schluss haben wir noch eine interessante Darstellung auf einer Grabbronzeplatte zur Betrachtung, worauf eine trauernde Genie zu sehen ist. Sitzend hat sie ihr Gesicht in Trauer mit linken Arm bedeckt und auf einem, mit einem Tuch verhüllen Atar, aufgestützt. Mit dem rechten Arm hält sie sich hinter ihrem Körper an einem vergabelten Baum fest, dessen Vergabelung an eine Lyra erinnert und tatsächlich finden sich an diesem Baume sechs Seiten gespannt, welche Im Gesamtkonzept eine Lyra auder Harfe symbolisieren. Es ist ein schönes Bild der Hamonie mit der Natur und der verhüllten Formen, welche wir hier auf dieser Welt noch nicht in ihrer Vollendung sehen können.