Küchengarten
Küchengarten, 1924.
Küchengarten, 1924.

Hier ein Beispiel einer Bedarfsberechnung für die Selbstversorgung mit Gemüse aus dem Jahre 1924. Entsprechend der damaligen Ernährungsgewohnheiten könnte dies heute noch eine gute Vorlage für Vegetarier sein. Man ernährte sich damals vorwiegend von Gemüse, Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchten und Obst. Fleisch und selbst Milchprodukte standen bei der städtischen Bevölkerung eher selten auf dem Speiseplan.

Landwirtschaftliche Produkte wie Lagerkartoffeln und Getreide (Mehl) wurden zugekauft.

"Die Größe des Gartens hat sich nach der Personenzahl des Hausstandes und danach zu richten, wie viel oder wenig Gemüse begehrt wird. Niemals wähle man einen Garten größer als unbedingt nötig. Als annähender Maßstab für die Größe des Gartens möge folgendes dienen: Nehmen wir als Beispiele an, ein Haushalt, in welchem viel Gemüse gegessen wird, bestände aus 6 Personen. So würde ein Gemüsegarten von 1000 m² Größe für Sommer- und Winterbedarf ausreichend sein, der Bedarf an Frühkartoffeln inbegriffen.

Die 1000 m² teilen wir ein:

100 m² - Erbsen
100 m² - Busch- und Stangenbohnen
45 m² - Möhren und Karotten
20 m² - Zwiebeln
30 m² - Gurken
150 m² - Weiß-,Rot-, Wirsing- und Blumenkohl,
30 m² - Sellerie (wurde vor allem als Brüh- und Suppengewürz verwendet; heute durch Glutamatgewürze verdrängt)
15 m² - Porree
10 m² - Petersilie
30 m² - Schwarzwurzel (überwintert im Boden, wichtiges Winter- und Märzgemüse)
20 m² - Kohlrabi (der restliche Kohlrabi wird als Zwischenfrucht angebaut)
20 m² - Rhabarber
6 m² - Küchenkräuter
14 m² - Artischocken und Cardy (Spanische Artischocke)
100 m² - Spargel
200 m² - Frühkartoffeln
900 Quadratmeter

Für Wege, sowie für nicht aufgeführte Gemüse verbleiben 100 m². Salat, Spinat, Endivien, Radieschen, Herbstrüben und ähnliche, bald Ernte liefernde Gemüse, sowie der Herbst- und Winterbedarf an Möhren und Kohlrabi werden als Vorfrucht, Nachfrucht oder Zwischenfrucht angebaut. Diese Einteilung soll aber nicht als maßgebend gelten, sondern es möge dieselbe ein jeder Gartenbesitzer nach seinem Belieben treffen, wie die Erfahrung und der Verbrauch der einzelnen Gemüsearten in seinem Haushalt dies bald lehren wird."*

Gartengröße für vegetarische Ernährung - ist 100 % Eigenversorgung möglich?

Auswertung des obigen Beispiels: Damit kämen vergleichsweise auf einen Haushalt (mit wenig Fleischverzehr) pro Person 166 m² Gartenfläche für Gemüse. Ohne eingerechnete Wege beträgt die Nettofläche 150 m². Für mich sind das recht verlässliche Zahlen, weil die Literatur aus der Nachkriegszeit stammt. Man baute das Gemüse damals im Freiland und einen kleinen Teil im Frühbeet an.

In einem Mustergarten von 1894 sind für Gemüse 1000 m² Bruttofläche veranschlagt, für Obstbäume zusätzlich 1000 m² und vermutlich auf 6-8 Personen veranschlagt, das sind 125 m² Gemüse + 125 m² Obst Bruttogartenland pro Person. Bei unseren heutigen Ernährungsgewohnheiten hält man pro Person 40 m² Gemüseland (Nettofläche) für ausreichend bei entsprechend optimaler Bewirtschaftung. Die 125-150 m² im Beispiel oben wären bei fleischloser Ernährung der Richtwert.

Als Kennzahl für den Arbeitsbedarf gilt, dass ein ungeübter Gartenfreund nicht mehr als 100 m² Gemüseland (Nettofläche) bewirtschaften sollte. Ein geübter Kleingärtner schafft 200 bis 300 m² Gemüseland zu bearbeiten und parallel dazu einen Obstgarten in ähnlicher Größe, wenn er dafür ca. 2 Stunden pro Tag aufwendet.

Wer sich also zu 100 % mittels Selbstversorgergarten vegetarisch ernähren möchte, der kann sich als geübter Hobbygärtner durchaus selber mit Lebensmitteln versorgen, und unter Mithilfe der Familie kann sich offensichtlich auch jede Familie mit eigenem Gemüseanbau ernähren - natürlich nur, wenn auch die Lagerung und Verarbeitung der Lebensmittel entsprechend gut organisiert ist.


Literatur & Quellen:

  • *Bier, A.: Lohnende Gemüsezucht, Erfurt um 1924.