Japanischer Wohnraum mit offener Schiebetür zum Garten.
1 - Garten und Wohnraum sind eins

Dass ein Garten eigentlich unentbehrlich für eine Wohnung ist, gilt natürlich nicht nur für das japanische Wohnhaus; und doch ist die Verbindung zwischen dem Wohnhaus und dessen Garten ganz besonders eng, so dass das japanische Wohnhaus ohne Garten fast undenkbar ist. Es verschmilzt über die Veranda hinaus, über die weit ausladende Verdachung, die Steinstufen und Trittsteine mit dem Garten zu einem Ganzen. So gibt es zwischen Haus und Garten kaum eine Grenze.

Bevor ich weiter auf die Besonderheiten der altjapanischen Bauart eingehe, muss Folgendes unbedingt erwähnt werden: Japan hat ein eigentümliches Klima. Die mittleren Temperaturen sind in Tokio ähnlich denen in London, nicht aber die Luftfeuchte. So ist es in Japan im Sommer viel feuchter und drückender als in Europa. Im Winter herrscht auf der fernen Insel jedoch eine trockene Kälte, die erträglicher ist, als die in unseren Breiten, wo überwiegend nasskalte Witterung vorherrscht. Die traditionellen japanischen Häuser haben breite Fenster- und Türöffnungen. Diese sorgen für eine ständige Querlüftung im Sommer, aber auch wenig Heizkomfort im Winter.

Gliederung der Häuser

In Japan wurde seit dem 16. Jahrhundert das traditionelle Wohnhaus in seiner Gliederung, im Aufbau und in der Raumgestaltung stark von der buddhistischen Lebenshaltung beeinflusst. Man versuchte, das alltägliche Leben in das Walten der Natur einzubinden, und man fühlte sich weniger als Beherrscher der Natur. Man ordnete sich der Natur unter oder besser: man ordnete sich ein.

Die buddhistische Religion, mit der der japanische Mensch aufs Engste verwachsen ist, lehrt die Vergänglichkeit des Lebens und dass diese Welt nur eine vorübergehende Herberge sei.

Daher resultiert die einfache Bauweise der Häuser und deren minimalistische Einrichtung. Diese Vorzüge bestehen nach Tetsuro Yoshida im Wesentlichen durch den Einzelstand des Hauses im Garten und dass zwischen Haus und Umgebung eine innige Beziehung besteht, indem Hausinneres und Garten zu einem Ganzen verschmolzen sind:

  • in der Schaffung vieler großer Tür- und Festeröffnungen als Anpassung an das besondere Klima
  • in der vielseitigen Nutzung der Räume;  jeder allgemeine Raum kann z.B. auch als Schlafraum genutzt werden
  • in der sachlichen und rationalistischen Baugestaltung und Übereinstimmung von Konstruktion und architektonischer Schönheit
  • in einfachster, klarer und reinster Raumgestaltung mit Tokonama (Bildnische) als optischem Mittelpunkt
  • in Verwendung ungestrichener Hölzer mit schöner Maserung, Vermeidung spiegelnder Materialien
  • in praktisch eingebauten Wandmöbeln, die einen "ausgedehnten Flächeneindruck" hinterlassen
  • in der Normung der Zimmergrößen, Bauteile und Proportionen bis in die kleinsten Einzelheiten. Ein wichtiges Grundmaß bilden die genormten Bodenmatten der Zimmer.

Die Gartenmauer/Hecke ist die "Außenmauer des Wohnhauses"

Das japanische Wohnhaus steht im allgemeinen nicht an der Straße sondern fast immer im Garten, welcher von einem hohen Bretter- oder Baumbuszaun oder einer immergrünen, beschnittenen Hecke, manchmal auch von einer Steinmauer umgeben ist. Die Mauer oder der Zaun muss als eigentliche Außenwand des sehr offenen japanischen Hauses betrachtet werden. Über solche Umzäunungen ragt lediglich das frische Grün der Bäume, und dazwischen sind nur die Dächer der Häuser sichtbar.

Der Hauszugang von der Gartenpforte her ist so gelegt, dass die Haustür von der Straße aus nicht sofort eingesehen werden kann.

Ein gepflasterter Steinpfad oder Pfad aus Schrittsteinen führt durch den Vordergarten, der zwischen dem Gartentor und dem Hauseingang liegt, in Kurven oder Krümmungen bzw. schräg zum Hauseingang, der, wie schon erwähnt, dem Grundstückseingang nie genau gegenüberliegt.

Im Sichtbereich des Empfangs- oder Wohnzimmers liegt der Hauptgarten, der den größten Teil der Außenfläche einnimmt. Die Gestaltung des Gartens am Haus ist natürlich nach Größe und Bodenbeschaffenheit verschieden.

Man kann aber allgemein sagen, dass der traditionelle japanische Garten als ein malerisches Kunstwerk, ein landschaftliches Bild gestaltet wird und der Betrachtung dient, also wenig praktische Zwecke erfüllt.

Das ist natürlich eine Idealvorstellung. Man kennt etwa auf Okinawa, dort, wo heute die meisten Hundertjährigen wohnen, einfache, typisch japanische Wohnhäuser (ähnlich unseren Bungalow-Häusern) mit Gärten, die von ganz zweckmäßigen Gemüsebeeten umgeben sind. Es sind also vielfältige Abweichungen von der Grundform möglich. Und alles, was ich hier beschreibe, sollen letztlich nur Anregung sein und die besonderen Grundideen des japanischen Wohnens aufzeigen.

2.) Eine Straße in der alten Samurai-Viertel in Kanazawa. Haus und Garten ist von der Straße aus nicht zu überschauen.
2.) Eine Straße in der alten S...
3.) Japanisches Wohnhaus mit umlaufenden Umgang.
3.) Japanisches Wohnhaus mit u...
4.) Moderne Wohnviertel unterscheiden sich natürlich nicht mehr von  unseren.
4.) Moderne Wohnviertel unters...
5.) Auch solche sichtgeschützten Hauszugänge habe ich schon in der Literatur gefunden und sie zeigen, dass man den Hausgarten als einen sehr intimen Bereich auffasst.
5.) Auch solche sichtgeschützt...
6.) Sichtschutzzaun zum Garten.
6.) Sichtschutzzaun zum Garten...
7.) Es muss erwähnt sein, dass es in Japan durch die sehr unterschiedlichen Klimazonen auch sehr unterschiedliche Architekturstile gibt und die Grundsätze, die hier dargelegt sind, gelten nicht generell.
7.) Es muss erwähnt sein, dass...

Was kann übernommen werden?

Dass ich mehr über den japanischen Garten schreibe, als über das Wohnhaus selber, mag daran liege, dass wir in unseren Breiten wohl leider weniger von Letzterem umsetzen können. Nehmen wir als Beispiel dafür allein den oben kurz erwähnten Mattenbelag des japanischen Zimmers. Die Bodenmatten sind an die sechs Zentimeter stark und besitzen einen zusätzlichen Schonbezug (es gibt dazu noch Sitzkissen und Schlafmatten, die bei Nichtgebrauch im Wandschrank verstaut werden). Sie machen es erst möglich, auf dem Boden zu sitzen oder zu schlafen. Und letztlich ist der ganze Aufbau des Gebäudes auf die genormten Matratzenmatten zugeschnitten. Die so ausgelegten Häuser dürfen dann auch nur mit Strümpfen betreten werden. Zudem entstehen die schönen Perspektiven und Sichtachsen in den Garten erst, wenn man in den Zimmern auf dem Boden sitzt und den Ausblick in Ruhe genießt. Weicht man nun von diesen Gebräuchen ab, legt die Dielen mit dünnen Naturmatten aus und sitzt auf Stühlen, dann ergibt die Gesamtarchitektur dieser Häuser keinen Sinn mehr.*

Tetsuro Yoshida gibt in seinem Buch auch schon Hinweise, in welche Richtung zu denken ist, wenn er auf Ähnlichkeiten zwischen japanischen Wohnhäusern und englischen Landhäusern hinweist. Auch die Cottages stehen mitten in den Gärten und von den viktorianischen Cottages kennen wir die Veranden (Folk Victorian) und, vielleicht mehr noch, die gemütlichen amerikanischen Holzhäuschen (z.B. American Foursquare) mit ihren urigen Veranden (Porch). So viel als Anregungen für dieses schwierige Thema, das noch auf geeignete Lösungen wartet.

Eine einfach Alternative bietet sich allerdings, die japanische Wohnkultur doch zu kopieren. Man kann es wie die Japaner machen, die heute meist europäisch eingerichtet sind, aber einen Teil der Wohnung traditionell japanisch gestalten. Bei uns bietet sich zuerst ein japanisches Teehäuschen im Garten separat oder unmittelbar am Haus bzw. ein Teeraum im Haus an.

* Tetsuro Yoshida: "Matsou Basho (1644 – 1694), der große Haiku-Dichter, hat an seine Dichter-Kollegen Worte gerichtet, in denen es heißt, dass man nie die von den Alten überlieferten Formen nachahmen solle, sondern dem nachstreben, was die Alten erstrebten. Dies bezog sich auf die Haiku-Dichtung, aber gilt auch für die Baukunst.


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Literatur & Quellen: