Ausblick.

"Die traditionellen chinesischen Gärten sind das Ergebnis einer Verschmelzung von Architektur, Malerei, Literatur, Dramatik, Kalligraphie und Bildhauerei, wodurch eine Welt vollkommener Schönheit geschaffen wurde"*. Doch am bedeutungsvollsten ist die Gedankenwelt der Dichtung und der Bildaufbau der Malerei als Einfluss auf die Gartengestaltung anzusehen.

Auch im alten Europa gab es die enge Verbindung von Malerei und Dichtkunst mit der Gartenkunst, welche aber erst im 18. Jahrhundert aufkam. In China ist diese Herangehensweise mindestens 2200 Jahre alt, wenigstens was die privaten Gärten der betuchteren Bürger und Beamten betraf.

Wenn ich nun die Eigenart dieser oft verschlungen angelegten, geheimnisvollen Anlagen beschreibe, welche den Garten mit einem Refugium vergleicht, so soll dies eine Anregung sein, auch unsere Gärten bewusst in diesem Geiste anzulegen. So mein Umsetzungsvorschlag an dieser Stelle, eine kleine Bibliothek in einer Laube ober einem kleinen Pavillon anzulegen. Man kann diesen Gedanken für sich auch weiterspinnen - jedenfalls sollte der Garten an unserem Haus mehr sein, als nur ein Stück Rasen, welches einmal die Woche gemäht werden muss...

Pavillon am WasserChinesischer Pavillon am Wasser.

Eine Besonderheit chinesischer Gärten ist vor allem diejenige, den Garten als Refugium aufzufassen, als Rückzugsort von der Welt, um dort Ruhe zu finden und sich der Kunst und Lektüre zu widmen. Viel der alten chinesischen Privatgärten hatten Bibliotheken. Neben diesem sehr privaten Charakter des Gartens, war er aber auch ein Ort, wo Freunde eingeladen, Gedanken ausgetauscht, Geschäfte geschlossen und wo gefeiert wurde. Und um den Kreis zur Garten- und Dichtkunst wieder zu schließen: Im Alten China gehörte das Versemachen zur Würze aller Geselligkeit. Man muss nur das kleine Gedicht "Der Porzellanpavillon" von Li-Bai  lesen, um den Zauber chinesischen Gartenlebens verstehen zu lernen:

Mitten in dem kleinen künstlichen See,
Erhebt sich ein Pavillon aus grünem und weißen Porzellan.
Man gelangt zu ihm auf einer Brücke von Jade,
Die sich wölbt wie der Rücken eines Tigers,
In diesem Pavillon sitzen die Freunde, in lichte Gewänder gekleidet, beim Wein.
Sie plaudern lustig miteinander oder sie schreiben Verse nieder,
Dazu stoßen sie ihre Kopfbedeckungen zurück und streifen ein wenig die Ärmel auf,
Und in dem See, in dem die kleine Brücke umgekehrt
Gleich einem Halbmond von Jade erscheint,
Trinken die Freunde, in lichte Gewänder gekleidet,
Auf dem Kopfe stehend, in einem Pavillon von Porzellan.*

Von Li-Bai (701-762; auch Li-Po, Li-tai-pe) der bedeutungsvollste, lyrische Dichter Chinas in der Tang-Zeit.

Literatur & Quellen:

  • Münsterberg, Oskar: Chinesische Kunstgeschichte, Esslingen 1910.
  • Gothein, Marie-Louise: Geschichte der Gartenkunst, Zweiter Band, Jena 1926.
  • *Yun, Quiao: Alte chinesische Gartenkunst, Leipzig 1986.