Wasserfall
Wasserfall.

Die erste bedeutende Schilderung und Beschreibung einer Gartenanlage im alten China stammt aus der Zeit der Song-Dynastie. Und zwar aus dem Jahre 1026 von Hsi-Ma-Kuang, der ein großer Staatsbeamter seiner Zeit war: "Er war ein Wohltäter seines Jahrhunderts durch Weisheit, Wohlwollen und Milde seines Ministeriums", sagte eine späterer Kaiser von ihm.

Hsi-Ma-Kuang schildert seinen Landsitz wiefolgt:

"Mögen andere Paläste bauen, um darin ihren Kummer einzuschließen oder ihrer Eitelkeit zu frönen. Ich habe nur eine Einsiedelei erbeut, um mich darin meiner Muße zu überlassen und mit meinen Freunden zu plaudern. Zwanzig Morgen* haben mir für meine Bedürfnisse genügt. In der Mitte ist ein großes Gartenhaus (Häuser und Pavillons im Komplex), wo ich meine fünftausend Bände gesammelt habe, um die Weisheit zu befragen und mit dem Altertume meine Zwiesprache zu halten.

An der Mittagseite findet man einen Pavillon inmitten des Wassers, das ein Bach herbeiführt, der von dem östlichen Hügel herabfließt. Die Wasser bilden einen tiefen, künstlichen See, welche sich in fünf Verästelungen wie die Klauen eines Leoparden ausdehnen. Zahllose Schwäne schwimmen darauf und spielen auf allen Seiten.

Am Rande des ersten Baches, der in Kaskaden herabfällt, erhebt sich ein steiler Fels, dessen Gipfel, gekrümmt und vorne überhängend wie der Rüssel eines Elefanten, einen luftigen, offenen Pavillon trägt, damit man sich darin erfrischen und die Röte, mit der der Morgen die aufgehende Sonne krönt, bewundern kann. Der zweite Arm teilt sich nach wenigen Schritten in zwei Kanäle, welch sich um die Galerie schlängeln, die von einer doppelten Terrasse begrenzt ist, wo Rosen- und Granatbaumspaliere den Balkon bilden.

Der östliche Arm fließt gegen Norden zurück, auf dem Bogen einer isolierten Säulenhalle, danach bildet er eine Insel; die Gestade dieser Insel sind mit Sand bedeckt, von Muscheln und Kieseln verschiedener Farben; ein Teil ist mit immergrünen Bäumen bepflanzt, der andere ist mit einer Hütte aus Stroh und Schilf geschmückt, wie die der Fischer.

Die beiden anderen Arme scheinen sich abwechselnd zu fliehen und zu suchen, indem sie der Neigung einer mit Blumen geschmückten Wiese folgen, die sie frisch halten. Manchmal treten sie über ihr Bett und bilden kleine Wasserspiegel, die von zartem Rasen gefasst sind, dann verlassen sie die Wiese und fließen in engen Kanälen herab, wo sie sich in einem Labyrinth von Felsen, die sie am Durchgang hindern, drängen und brechen, vor denen sie aufbrüllen und in schäumigen Silberwellen ihren gewundenen Lauf sich erzwingen lassen."

Bachlauf: Bach statt Gartenteich?

Zum Text: Diese interessante Schilderung zeigt die Bedeutung, welche Wasser in der fernöstlichen Gartengestaltung schon zu der damaligen Zeit besaß; und heute noch besitzt. Neben der malerischen Wirkung hat das Wasser in dieser Gartenanlage aber auch die Funktion, ein kühles Mikroklima im Sommer zu schaffen. Interessant für Anregungen der eigenen Gestaltung ist auf jeden Fall die Schilderung der Flussläufe. Wasserfälle, flache, teichartige Ausweitungen oder felsige Schluchten und labyrinthartige Verästelungen zeigen, dass ein künstlicher Bachlauf im Garten mehr ist als ein Rinnsal plus Teich mit Umwälzpumpe. Allerdings heißt das nicht, dass Bachläufe oder Wasserfälle durch die Masse an durchlaufendem Wasser beeindrucken müssen. Ein künstlicher Bachlauf kann fast wie ein Teich wirken und vielleicht auch einen Gartenteich ersetzten.

Chinesischer Garten mit Wasser- und Felslandschaft
Chinesischer Garten mit Wasser...
Chinesischer Garten, Berlin-Marzahn
Chinesischer Garten, Berlin-Ma...
Chinesischer Garten, Insel im Teich
Chinesischer Garten, Insel im ...

*Zwanzig Morgen sind etwa 30 Hektar, was vergleichsweise einem ordentlichen Schlosspark der Romantikepoche entsprecht, z.B. Schlosspark Lütetsburg (Ostfriesland).


Bilder: Impressionen aus dem Chinesischen Garten in Bochum und Berlin-Marzahn.
Linktipp: Teich anlegen