Ahorngarten

Japanische Gärten sind unglaublich vielfältig aber doch oft mit sehr wenigen Pflanzenarten und gärtnerischen Gestaltungselementen ausgestattet. Das hat den Grund, dass es die japanischen Gartenkünstler verstehen, Formen zu abstrahieren und ihre malerischen Gartenlandschaften mehr skizzenhaft darzustellen, als einfach nur Natur nachzubilden.

Wenn Japan anfangs auch nur die chinesische und koreanische Gartenkultur aufgenommen hat, so wurde sie im „Land der aufgehenden Sonne“ weiter fortentwickelt und abstrahiert. Diese Weiterentwicklung der Gartenkunst ist aufs Engste mit den japanischen Geistesströmungen verknüpft, was zuerst der alte Naturgeisterglaube (der Schintoismus) und die buddhistische Lehre waren. Aus dieser Haltung heraus entstanden Gärten, die den Wechsel der Jahreszeiten stark betonten. Sie symbolisieren die Vergänglichkeit sowie die kosmische Ordnung der ständigen Wiederkehr. In diese Kategorie fallen die Ahorngärten, welche in Japan im November mindestens ebenso viel besucht werden, wie die Gärten zur Kirschblütenzeit.

Die buddhistische Tradition der Betonung der Veränderlichkeit wurde später aber vom Zen-Buddhismus etwas verdrängt, da dessen Philosophie mehr die Zeitlosigkeit hervorhob. Vor allem immergrüne, in Form gebrachte Gehölze, zusammen mit Stein und Wasser wurden dann in den mehr malerisch-skizzenhaften Gärten prägend. Doch hat man auch hier die sich jahreszeitlich verändernden Gehölze nicht gänzlich aus den Zen-Gärten verbannt. Die herbstbunten Ahornbäume finden sich oft einzeln als Kontrapunkt gesetzt oder in der Rahmenpflanzung (auch außerhalb des eigentlichen Gartens) und im äußeren Eingangsbereich, welcher besonders gestaltet, eine Art Vorgarten zum inneren Zen-Garten darstellt. Ungeachtet dessen gibt es in Japan natürlich auch noch die "alten", zuerst genannten Landschaftsgärten, welche besonders auf den Wechsel der Jahreszeiten abgestimmt waren, und es gibt heute auch Mischgärten, welche verschiedene Stile und entsprechende Gartenpflanzen miteinander vereinen.

Der Ahorngarten, also der herbstlich-bunte japanische Garten mag uns irgendwie auch an den Indian-Summer erinnern und an entsprechende europäischen Gärten, die so angelegt wurden, dass sie eine besondere Wirkung im Herbst durch kräftige Laubfärbungen aufweisen. Wird in der europäische Art, Gärten zu gestalten, oft auf die Massenwirkung der Bepflanzung gesetzt (was auch seine Berechtigung hat), so legt der japanische Gartenkünstler Wert auf die Individualität des einzelnen Gehölzes. Ein malerischer Baum steht dort für einen ganzen Wald. Bei uns werden Ziergehölze lieber in Gruppen gepflanzt. Bei der Einzelstellung von Gehölzen ist natürlich der Hintergrund von viel größerer Wichtigkeit, das müssen wir bei dieser Gestaltungsform unbedingt beachten. Der Individualgedanke betrifft im japanischen Garten aber nicht nur die Pflanzenwelt. Jeder einzelne Stein ist dort ein Einzel-Subjekt mit speziellem Symbolwert.

Um nun aber die Sache etwas zu vereinfachen: wenn wir selber in unserm Garten etwas von diesem Stil aufnehmen möchten, sei darauf hingewiesen, dass die wichtigste und vermutlich älteste Gestaltungsregel in japanischen Gärten die Kontrastdarstellung ist. Sie geht auf die alte Taotse-Philosophie zurück, nach der sich alles in der Natur auf zwei korrespondierende Kräfte erklären lässt: Auf das weibliche und das männliche Prinzip - Yin und Yang, das Passive und Aktive, das Beherrschte und das Herrschende. Diesem Prinzip entsprechend muss, wie in aller Kunst auch in der Gartenkunst verfahren werden. So wird dem Bilde Kontrastwirkung und Proportion verschafft: einem Stein, dessen Gestalt ein männliches Prinzip innewohnt, der eine hohe, aufrechte Form hat, muss ein weiblicher, ein liegender, flacher Stein als Gegengewicht gegeben werden. Neben einen hohen, breittragenden Baum auf einer Insel muss eine schlanke Laterne gestellt werden. Hier steht der Baum für das Yin, doch das muss er nicht immer zwingend sein. Der aufstrebende Baum kann auch einem liegendem Stein zugeordnet sein, was zeigt, dass uns die Interpretation der Symbolik genügend Freiraum lässt.

An Pflanzenmaterial (Ahornbäumen) für unsere Gartengestaltung mangelt es ganz sicher nicht. An höher wachsenden Baumarten liefern die Baumschulen den Acer palmatum (Fächerahorn), der etwa 4-6 m hoch wird (geschnitten kleiner). Vom Fächerahorn werden aber sehr viele Sorten angeboten: Schwachwüchsige und buntlaubige Formen, die über den Sommer rotes oder gelbes Laub aufweisen und die auch schwachwüchsiger sind als die Ausgangsform. Neuheiten sind ständig im Angebot. Acer japonicum (Japanischer Ahorn), mit etwas breiteren Blättern wird nur 2-4 m hoch. Von ihm gibt es auch viele Zwergsorten.

Literatur & Quellen:

  • Gothein, Marie-Louise: Geschichte der Gartenkunst, Zweiter Band, Jena 1926.
  • Yoshida, Tetsura: Das Japanische Wohnhaus, Tübingen 1954.
  • Borja, Erik: Japanische Gärten, München 2000.