Ludwig Richter BildLudwig Richter. Bild zum Lied von Matthias Claudius
Ludwig Richter. Bild zum Lied von Matthias Claudius

Mit dem Zeitalter der Empfindsamkeit wird eine Kulturepoche bezeichnet, welche in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem durch die Literatur geprägt wurde. Manche Historiker nennen die Zeitspanne von 1740 bis 1790, doch so klare Grenzen gibt es wohl nicht. In Frankreich wird diese Kunstentwicklung bereits um 1720 verzeichnet. Dieser Zeitgeist, der sich in sentimental-romantischen Naturgefühlen erging und im religiösen Leben als Pietismus ausprägte, bildete ein gewisse Parallele zur Epoche der Aufklärung und des Rationalismus. Sie standen sich aber nicht konträr entgegen.

Um diese Zeit genauer zu verstehen und was mit "Empfindsamkeit" gemeint ist, lesen besser wir die alte Definition des Wortes, welche heute so nicht mehr verstanden wird. Der Begriff Sentimentalität kommt dem Wortsinn näher, doch im ursprünglichen Sinne ist die Empfindsamkeit eine starke Erregbarkeit durch Empfindungen von rührender Art, besonders wenn man diese geflissentlich sucht, sie gern zeigt und in ihnen schwelgt. [1]

Man verbindet  die Epoche der Empfindsamkeit zwar mit der Zeit Aufklärung, doch kann man sie genauso gut als Ausklang des barocken Zeitalters sehen. Überschwängliche Gefühle galten damals durchaus als menschlich und waren nichts mehr, was es hinter einer Etikette zu verborgen galt. Man sagt, dass das sentimentale Zeitalter eine Parallelwelt der Bürger zum Absolutismus darstellt, doch ist der Begriff der Transformation einer vom Adel geprägten Gesellschaft angebrachter.

Den Höhepunkt dieser "empfindsamen Dichtung" stellt Klopstocks Werk "Der Messias" dar. Goethes "Die Leiden des jungen Werther" (1774), gilt von der Empfindsamkeit beeinflusst und als Nachhall der Kunstepoche kann man Hölderlins "Hälfte des Lebens" (1804) bewerten. Als eingefleischte literarische Vertreter der Empfindsamkeit gelten:

  • Samuel Richardson (1689 – 1761)
  • Laurence Sterne (1713 – 1768)
  • Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769)
  • Sophie von La Roche (1730 – 1807)
  • Matthias Claudius (1740 – 1815)
  • Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803)
  • Ludwig Heinrich Hölty (1748 – 1776)
  • Johann Heinrich Voß (1751 – 1826)

Nachdenkliche Muse im Schlossgarten von MachernNachdenkliche Muse im Schlossgarten von Machern

Sentimentale Gartenkunst

Dicht- und Gartenkunst waren damals eng miteinander verwoben und so protegierte der damalige Zeitgeist neue romantischen Gartenformen (Landschaftsgärten), die in Anlagen durchaus schon in den Barockgärten (Bosket) zu finden waren, bald aber in einen neuen Stil, dem englischen, neu geformt wurden. Ein wunderschönes Beispiel einer Parkgestaltung im sentimentalen Stil stellt der Schlossgarten in Machern (bei Leipzig) dar. Dort sind in überschaubarer Größe (Rundgang ist in zwei bis drei Stunden geschafft) malerische Gartenmotive zu finden, welche sentimentale Stimmungen erzeugen können, vorausgesetzt man hat eine minimale literarische Vorbildung. In Machern hat man sogar noch weitgehend die alten angelegten Motive eines mystischen Einweihungsweges, den der Wanderer im Park absolvieren kann, um das Erleben in der Tiefe zu steigern. Bemerkenswert ist aber auch in diesen Landschaftsgärten, dass sentimentale Zeitgenossen wie auch Aufklärer und Rationalisten den neuen Gartenstil für sich beanspruchen, ohne Widersprüche zu verursachen.

Wer einmal in Sachsen unterwegs ist, der mache einen Abstecher im Seifersdorfer Tal bei Dresden, einem der ältesten Landschaftsgärten in Deutschland. Diese naturromantische Anlage, die ebenfalls in zwei oder drei Stunden durchwandert werden kann, wurde nach Ideen der Gräfin von Brühl (auch nur Tina genannt, 1756 - 1816) angelegt. Dieser Naturpark wird zwar der Frühromantik zugeordnet, zeigt aber deutlich den nahtlosen Übergang von Empfindsamkeit zur Romantik im Stil der Gartenkunst.

Denkmal von Tina im Seifersdorfer Tal bei Dresden

Literatur & Quellen:

  • [1] Brockhaus' Konversations-Lexikon, 14. Auflage, Fünfter Band, Seite 1022; Leipzig 1908
  • http://www.literaturwelt.com/epochen/empfind.html