Spitzweg Gemälde Zeitungsleser HausgärtchenCarl Spitzweg malte hier um 1850 einen Zeitungsleser im Hausgärtchen.
Carl Spitzweg malte hier um 1850 einen Zeitungsleser im Hausgärtchen.

Der deutsche Garten ist ein erweiterter Wohnraum im Grünen zum Bewohnen und zum Betrachten. Architektur (Menschenwerk) - gezielt als Kontrast zur Natur gesetzt, ist Thema des deutschen Gartenstils. Das Bild oben zeigt dieses Prinzip deutlich (solide gemauerte Terrasse und üppiges Grün), welches sich bis heute durch die Jahrhunderte erhielt. Malerische Ansichten und Nützlichkeit der Anlage, sollten sich nicht ausschließen, und damit ist dieser ein Ort zum geselligen Beisammensein und ein Ort der Ruhe und Besinnung.

Klostergarten

Die Urform des deutsch geprägten und durch Gestaltungsgedanken gekennzeichneten Gartenstil ist der von Mauern umschlossene mittelalterliche Klostergarten mit dem ihm umgebenden Säulengang - anders die einfachen Bauerngärten: Urform: Bauerngärten Im Klostergarten befanden sich stets zentral angelegte Wege und Beete mit klarer, menschliche Ordnung - deren Schönheit war immer einem Zweck untergeordnet - sei es der Kräuter- oder Blumengarten. Der Adel übernahm natürlich für seine privaten Gärten die gestalterische Grundordnung dieser Klostergärten nach seinen Grundbedürfnissen der Repräsentation und Zerstreuung.
Ein Gestaltungselement des Mittelalters, welches sich in den deutschen Anlagen über Jahrhunderte beharrlich erhalten konnte, ist der umlaufende Säulengang, später der umlaufende Weg mit Laubengängen (oder wenigstens mit der integrierten Laube in der äußersten Ecke).
Die Gärten der Renaissance entwickelten sich aus all diesen Konzepten. Es waren umschlossene Anlagen und gleichsam Mikrokosmen mit straffer geometrischen Gliederungen. Dieses Konzept änderte sich erst in der Zeit des Barock.

Barock

Der (französische) barocke Gartenstil ist weniger einer einzelnen Nation zuzuordnen, sondern europäisch zu nennen. Wenn diese Gärten auch strenge, geometrische Gliederungen besaßen, so begann sich hier der Gedanke der Verbindung des Gartens mit der Landschaft zu entwickeln. Die Schlösser wurden so errichtet, dass sie sich mit den anschließenden Parkanlagen der Landschaft öffneten, wie etwa durch die gezielte Planung von weitläufigen Sichtachsen. Die Anlagen dienten als eine Wohnraumerweiterung im Freien besonders als eine Art Theaterbühne für die Feste und Zusammenkünfte der Adelskaste.

deutsche malerische GartenkunstMalerischer Stil aus der Zeit der Landschaftsgärten.

Gestaltete Landschaft - das 18. und 19. Jahrhundert - der malerische Gartenstil

Das Gedankengut der Romantik und dessen Verbindung mit fortschrittlichen, einflussreichen Geistern im damaligen Preußen, gipfelte in der Idee von der "gestalteten Kulturlandschaft": die Gestaltung der Landschaft über Gärten und Parkanlagen hinaus. Zwei Namen prägten diese Zeit besonders:

  • Peter Joseph Lenné (1789-1866) -  Gartenkünstler und oberster Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten
  • Hermann Fürst von Pückler Muskau (1785-1871) - ein Abenteurer, Weltenbummler und Reiseschriftsteller wurde bekannt durch seine künstlerisch gestalteten Gärten

Vorbild im Gestaltungsstil waren englische Landschaftsgärten, bei denen das Malerische Betonung fand. "Ein Garten im großen Stile ist eine Bildergalerie." Dabei wurde die Bildkompositionen so gewählt, dass der "Phantasie immer noch etwas zu raten übrigbleibt" (Fürst Pückler). Doch man fand auch bald wieder zu den alten Formen zurück. Selbst Goethe war gegen das Ende seines Lebens sehr von seiner Begeisterung für die englischen Garten abgekommen. Bei einer Spazierfahrt nach Belvedere lobte er dem Kanzler von Müller die französischen Gartenformen, wenigstens für große Schlösser: "Die geräumigen Laubdächer, Berceaux (Laubengänge), Quinconcens lassen doch eine zahlreiche Gesellschaft sich anständig entwickeln und vereinen, während man in unseren englischen Anlagen, welche ich naturspäßig nennen möchte, allerwärts aneinander stößt, sich hemmt und verliert" Es liegt in diesen Worten fast eine Gereiztheit Goethes gegen seine frühere Begeisterung, gegen den Geist sentimentaler Schwärmerei, der ihr zugrunde lag. (nach Geschichte der Gartenkunst, Jena 1926) Prägend für die Entwicklung der Gartenkunst im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Königlich - Preußischer Hofgärtner und Stadtdirektor Berlins J. H. Gustav Meyer (1816-1877) - sein Standartwerk: "Lehrbuch der schönen Gartenkunst. Mit besonderer Rücksicht auf die praktische Ausführung von Gärten und Parkanlagen. Berlin 1873."
Friedliches Nebeneinander In den folgenden Jahrzehnten finden wir ein mehr oder weniger friedliches nebeneinander beider Formen: der formale, architektonische Garten. Letzterer findet sich vor allem nahe am Haus oder da, wo räumliche Enge herrscht. Der Landschaftsgarten wird dort angelegt, wo sich ein Gebäude frei in der Landschaft befindet und dort, wo genügend Freiraum herrscht. Eier der ältesten Landschaftsgärten beherbergt das Seifersdorfer Tal bei Dresden.

HausgartenEin Wohngärtchen direkt neben der Hausterrasse im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Das 20. Jahrhundert

Der Landschaftsgarten einer Berliner Villa im "deutschen Stil" um 1900 (Bild unten). Eine bogenförmige Vorfahrt erschließt das Gelände für Fahrzeuge bis direkt an das Haus heran. Ein umlaufender Weg unter schattigen Bäumen lässt weitläufige Blicke zu und führt links oben zu einer Laube (Teehaus) mit weitem Ausblick - aber so, dass das Wohngebäude fast völlig vom Grün verdeckt wird.

Deutscher GartenstilDeutscher Gartenstil - vorgestellt und explizit deutsch genannt von Willy Lange, 1907

Der Villengarten ist großzügig angelegt und je weiter man vom Haus weg in den Park hineingeht, um so naturnaher ist die Anlage gestaltet. Nahe am Haus wurde hingegen sehr formal gestaltet. Was die Beziehung zwischen Haus und Außenanlage  betrifft, so bitte ich den Leser den Beitrag Landhaus und Raumgliederung zu lesen, der an die Erfahrungen der gleichen Zeit anknüpft und ebenfalls als typisch deutsch (Architektur) bezeichnet werden kann.
Weiter zur Plananskizze (Bild). Oben rechts in der Parkanlage befindet sich ein Tennisplatz mit strengem Rahmen, darunter liegt die Gärtnerei. Die Villa selbst umgibt eine kleine, ein wenig verspielte, barocke Gartenanlage (Plan nach Willy Lange 1909).

Jugendstil

Um die Jahrhundertwende (1900) kulminierte in Europa zur ausgehenden Zeitepoche der industrielle Revolution noch einmal das Kunsthandwerk als Produkt einer geschmacksbildenden Elite und behauptete sich in einer letzten Kraftanstrengung gegen das Massenprodukt, gegen die Maschine. Neue Formen, der Natur entnommen, prägten die Architektur und die Gegenstände des Alltags. Man wollte Kunst und Leben miteinander in Einklang bringen und so war der dekorierende Jugendstil - der "neue Stil" - das "Junge" - nicht nur Kunst - er war das Lebensgefühl einer Epoche: der Jahrhundertwende.

Jugendstil Garten 1909Außenanlage auf der Internationalen Fotoausstellung in Dresden 1909.

Allerdings hatte es einen Jugendstil in den Gärten nicht in der Art gegeben, dass etwa kurvenreiche Wege angelegt wurden, ähnlich den geschwungenen Linien in der Architektur. Der Jugendstil-Garten muss vom benannte Lebensgefühl der damaligen Menschen her gesehen werden und war ein Wohn- und Freiraum, in dem man sich nicht selten mit Freuden traf und Gedanken austauschte.
Es gab in Europa eine allgemeine Rückbesinnung auf das kulturelle Erbe des Mittelalters und zahllose kulturelle Anregungen durch die schon damals beginnende Globalisierung der Welt, wobei der Kunst und der Philosophie Ostasiens (China, Japan, Java ) eine besondere Rolle zukam. Doch kopierten die Künstler nicht einfach fremde Stilrichtungen. Man ließ sich inspirieren und durch eine Zuwendung zu der zwanglosen Schönheit der Natur und zu der Schönheit der Naturformen im kleinsten Detail, entwarf man den neuen Lebensstil. In Deutschland entstanden kurz nach der Jahrhundertwende sogenannte Gartenstädte, durch welche die Idee aufkam, den neuen autonomen Lebensstil (frei von Mietspekulationen) auch den einfachen Menschen zugänglich zu machen.
In England begann man die Vorzüge des einfachen Landlebens neu zu entdecken. Man besann sich auf die freundlichen und intimen bäuerlichen Cottage-Gärten. Das malerische Element der Gartengestaltung spielte eine vordergründige Rolle und nicht selten waren Künstler auch selber begeisterte Gärtner: Gertrude Jekyll ( 1843-1932 ) Malerin, Auguste Delaherche (1857 - 1940 ) Keramiker, Claude Monet ( 1840 - 1926 ) Maler. In Deutschland wurde neben dem bewusst gestalteten Wohngarten am Haus, der Natur- und Landschaftsgarten wieder das angestrebte Ideal. Holten sich die Landschaftsgestalter des 18. Jahrhunderts Anregungen aus dem fernen China und von ihren Italienreisen, so war jetzt der deutsche Wald das Ziel der idealisierten Landschaft. Waldfriedhöfe entstanden zum Beispiel in dieser Zeit und heute finden wir auf diesen Waldfriedhöfen noch recht gute Beispiele einer einheitlichen Planung von Architektur (Kapellen, Tore) und Landschaft.
Prägend für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, bezüglich Gestaltung von Gärten und Wohnanalgen, wurde die Literatur des königlichen Garteninspektors und Lehrer an der königlichen Gärtnerlehranstalt in Dahlem (Berlin) Willy Lange. Dieser legte großen Wert auf gestalterisch exakte Details bei der naturnahen Gestaltung von Garten und Landschaft und er besaß ein fundamentales Wissen um gestalterische Grundregeln - ein Wissen, was in heutiger Zeit längst wieder verloren ist. Doch Wissen allein ist nicht die Garantie für gute Gartengestaltung. Der Gärtner muss das Wesen eines Ortes innerlich erfassen und anschließend seine innewohnenden Formen zum Leben erwecken - das war eines der wohl zu wenig beachteten Anliegen Willy Langes, denn bis in die Gegenwart hinein produzieren ( von rühmlichen Ausnahmen abgesehen ) zahllose Landschaftsarchitekten nur seelenlose Landschaftsfragmente.

Ausklang der Jugendstilzeit und Neue Sachlichkeit

Diese Postkarte zur Deutschen Städteausstellung in Dresden/1903 zeigt uns Industriehallen in einer Silhouette, die an die großen chinesischen Kaisergärten erinnert. Zahlreiche Ausstellungen auf dem Gebiet der Technik, Kunst und Kultur sorgten zur Zeit der "Jahrhundertwende" für Berührungen unterschiedlichster Kulturen. Dresden war bis in die zwanziger Jahre hinein die Stadt der internationalen Gartenbauausstellungen!

Die Begegnung mit der Kunst Ostasiens trug wesentlich zur Überwindung des Historismus bei - in Niederlande war es die Kunst Indonesiens. Kolonialausstellungen machten die holländischen Künstler mit javanistischem Kunsthandwerk und brahmanischen Gedankenguts bekannt: Die Erfahrung zeigt uns die Dinge nicht in ihrem wahren Wesen, sondern nur so, wie sie sich unseren Sinnen darbieten, als Erscheinung also. Somit hatte auch der Jugendstil in Holland seine eigenständige Entwicklung in der "De Stijl" Bewegung genommen. Diese Kunstrichtung geht dem Weimarer Bauhaus voran und versuchte die gesamte Wirklichkeit in einem funktionellen Formen-Nenner zu bringen. Die Kunst sollte von der "Anarchie des Subjektivismus" befreit werden.

Bereits in der Jugendstilzeit schöpfte man aus den Erscheinungsformen der Natur, welche aber auch Linien und rechte Winkel sein können. Diese Besonderheit fand man in der japanischen Kultur vor. Die japanische Kultur eignete sich aufs innigste die malerischen Formen aus der Natur an (Malerei, japanische Gärten), aber ebenso auch die gerade Linie des Bambus, jenes universellen Baustoffes. Die Konstruktion mit Bambus erzwingt den rechten Winkel. Dieser prägte die japanische Architektur und Lebensart und nahm mit der "Philosophie des rechten Winkels" Einfluss auf den europäischen Jugendstil, der sich aus dem fernen Osten seine Anregungen holte. Joseph Hoffmann konzipierte 1904 das Sanatorium in Purkersdorf nach den Prinzipien eines lang gestreckten Rasterbaues mit einem für die damaligen Zeiten revolutionären Flachdach und völlig ohne Schnörkel und typische Jugensdstildekoration. Hier beginnt bereits der Stil der Moderne, der zunächst im sogenannten Bauhausstil in Deutschland neue, klare Formen aufgreift.

Der Bauhausstil und neue Materialien

Mit dem Einfluss des Bauhausstil und mit dem Einsatz neuer Materialien, wurden die deutschen Gärten klarer in den Linien, aber auch puritanischer - das Spielerische wirkte erzwungen. Durch den 2. Weltkrieg war in Deutschland eine weitere Entwicklung der Gartenkultur verhindert. Klare gestalterische Konzepte, beeinflusst durch Bauhaus und später durch die Moderne finden wir in der Schweiz, wo die Fortentwicklung der Gartenarchitektur durch den Krieg keine Unterbrechung erfuhr (Schweizer Wohngarten). Im Deutschland der 30er, 40er und 50er Jahre wurden natürlich auch die neuen Gartenstile der Schweizer kopiert, wie etwa der Tessiner Stil, der durch rustikale Pergolen, Natursteinmauern und üppige Staudenpflanzungen gekennzeichnet war. Dem kamen die zahlreichen Publikationen Karl Foersters entgegen, der mit seiner züchterischen Arbeit unzählbar viele Blütenstauden für unser mitteleuropäisches Klima nutzbar gemacht hat. Die leicht wirkenden Blütenstauden wurden zum stilvollen Gegenpart der etwas klotzig wirkenden architektonischen Rahmungen.

Senkgarten Britz nach Karl FoersterBerlin Britz, Parkgelände. Ein Senkgärtchen Schweizer Stil nach Ideenvorlagen von Karl Foerster

Nierntischära, Moderne, zeitgenössische Entwicklungen

Die Gartengestaltung der 1960er, 70er und 1980er Jahre war von vielen Unsicherheiten gekennzeichnet. Die Formensprache wurde nicht klar beherrscht und weil man vorher alles eckig gemacht hat, gestaltet man in der sogenannten Nierentischära wieder mal alles rundlich mit einem Hang zur Asymmetrie. Schon in den 50ern schwappte dieses Design stromlinienförmiger Formen aus Amerika herüber.
Sonst wird wird projektiert, angelegt, gepflanzt und das von den Firmen gebaut, was Geld bringt. Man greift im Zweifelsfalle auch wieder auf den Schweizer Wohngartenstil zurück, da man in Deutschland in dieser Zeitepoche wohl auch die plötzliche Metamorphose der Nutzgärten am Haus hin zu reinen Wohngärten beobachten kann. In der Schweiz begann dieses vierzig Jahre eher. In Deutschland finden sich in diesem Zeitabschnitt gartenkünsterische Besonderheiten selten.

21. Jarhundert - New German Style

Seit den 1990er Jahren begann sich in Deutschland die Qualität der Garten-  und Landschaftsarchitektur um vieles zu verbessern. Zahlreiche Gartenausstellungen und Länder und Bundesebene und die rege Bautätigkeit im Lande bewirken mittlerweile auch, dass Gartenkunst breitenwirksam ein Thema wird. Es entwickelt sich ein New German Style, also ein neuer deutscher Stil, der naturnah, leicht, wohnlich und praktisch, vor allem die Aufmerksamkeit der Briten weckt.

LGS Hemer StaudenrabattenLGS Hemer 2009, Staudenrabatten

Auch hier ist, wie in der Jugendstilzeit der Garten in seiner Form und Ausstattung mit Pflanzen auch "nur" wieder mehr der Ausdruck eines leichten Lebensgefühles, welches ich zum Ende der 2010er Jahre wohl wieder schwinden sehe. Stetige Veränderung wird heute und in Zukunft den deutschen Garten prägen. Ein Wohnplatz wird er bleiben. Nützlich und schön.