Die Haferwurzel (Tragopogon porrifolius), auch Purpur-Bocksbart genannt, ist ein uraltes Wurzelgemüse und wurde bereits in der Antike im römischen Weltreich angebaut. Noch im 19. Jahrhundert war es in unseren Gärten beliebt, wurde jedoch dann im 20. Jahrhundert von der Schwarzwurzel nach und nach fast völlig verdrängt. Diese bringt eindeutig höhere Erträge, konnte anfangs allerdings nur im zweijährigen Anbau kultiviert werden, da es keine Sorten für den einjährigen Anbau gab.
Züchtungen, die Schwarzwurzelsorten für die einjährige Kultur zum Ergebnis hatten, machten der Haferwurzel dann fast den Garaus. Bis dahin war sie mit ihrer einjährigen Kultur konkurrenzlos gewesen.
Heute erfährt das Wurzelgemüse jedoch eine Renaissance und wird immer beliebter. Von Kleingärtnern, die Gemüsevielfalt proklamieren, wird es immer häufiger angebaut. Nicht zuletzt ist es aber auch der Umstand, dass die Haferwurzel in Gärten, in denen die Schwarzwurzel auf Grund ungünstiger Bodenverhältnissen schlecht aufgeht und nicht so recht gedeihen will, eine gute Alternative darstellt. Besonders schwerer, klebriger Boden, der nach einem Regenguss rasch verkrustet, macht der Haferwurzel wenig aus.
Botanik und verwandte Gemüsearten
Neben Purpur-Bocksbart sind Namen wie Weißwurzel, Porreeblättriger Bocksbart, Habermark und Austernpflanze weitere deutsche Synonyme für die Haferwurzel (französisch Salsifis blanc, englisch Salsify).
Der schöne Name "Purpur-Bocksbart" bezieht sich auf die eigentümliche lilarote Blüte, welche im Mai in den Morgenstunden an den kniehohen Pflanzen erscheint. Dabei liegen die Hüllblätter zum Teil genau hinter den Blütenblättern und mögen auf diese Art wohl wie der Bart von einem Ziegenbock aussehen.
Auf jeden Fall sind die Blüten der ausdauernden Pflanzen schön anzusehen, und wir sollten einige Exemplare zur Gewinnung von eigenem Samen auf dem Beet stehen lassen. Auch die Blätter sind zierend, die wie Grasbüschel aussehen. Das Laub hat ein gesundes, helles Grün, und ihm ist dieselbe merkwürdig gedämpfte Farbausstrahlung wie die der Blüten zu eigen.
2) Die Blüte der Haferwurzel mit ihrem charakteristischen Altrosa.
Die Haferwurzel (Tragopogon porrifolius) ist eine Art der Pflanzengattung Bocksbart (Tragopogon). Die Gattung wird der Unter-Unterfamilie (Tribus) der Cichorioideae zugeordnet. Die Pflanzenfamilie ist die der Korbblütler (Asteraceae) und diese wiederum gehört zur Ordnung der Asternartigen (Asterales).
Die Verwandtschaft mit der Garten-Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica) ist relativ nahe. Die Gattung der Schwarzwurzel (Scorzonera) gehört ebenfalls zur Unterfamilie der Cichorioideae. Zu dieser Unterart zählen auch weitere Gartenpflanzen wie Löwenzahn (Taraxacum), die Gartensalate (Lactuca) und die Zichorien-Salate (Cichorium).
Mitunter findet sich die Haferwurzel auch als "Bocksbart" verwildert in der Kulturlandschaft. So viel zur botanischen Einordnung dieses Gemüses.
Anbauanleitung nach Rümpler
In vielen Anbauanleitungen und Gartenbüchern wird der Anbau häufig dem der Schwarzwurzel gleichgesetzt. Ausgehend von diesen Informationen könnten wir die Anleitung zum Anbau der Haferwurzel kurz fassen.
Aber es gibt auch eine kaum bekannte, alte, recht spezielle Art der Kultur, die darauf abzielt, recht lange Wurzeln zu erzeugen und möglichst keine Seitenwurzeln auszubilden. Ohne diese individuelle Anbaumethode verzweigt sich das Wurzelgemüse häufig sehr stark. Theodor Rümpler beschrieb diese von ihm selber entwickelte Anbaumethode in seinem Buch Illustrierte Gemüse- und Obstgärtnerei [1].
Bodenverhältnisse und -vorbereitung
Theoretisch verlangt die Haferwurzel einen "mürben, frischen, tiefen und im vorigen Jahr gut gedüngten (mit Mist) Boden." Darauf wird dann in Reihen oder breiwürfig im März oder April gesät. Die breitwürfige Saat deshalb, weil die einzelnen Exemplare gern reichlich Platz zueinander haben wollen.
Doch wie bereits erwähnt, bilden sich bei der Haferwurzel oft sehr verästelte Wurzeln aus, die das Putzen in der Küche sehr aufwändig machen.
Die Anbaumethode nach Theodor Rümpler kann hier Abhilfe schaffen. Bei dieser wählt man ein Beet, das mindestens zwei Jahre lang nicht gedüngt wurde, also einen besonders nährstoffarmen Gartenboden hat.
Auf diesem wird spatenbreit ein 20 Zentimeter tiefer Graben ausgehoben. Auf den Grund des Grabens wird gut fünf Zentimeter bestens verrotteter Dung oder mit Jauche aufgebessert gut verrotteter Kompost [2] gegeben und locker mit dem Untergrund vermischt. Es kann aber auch lediglich eine Gartenjauche auf den Grund des aufgeworfenen Grabens eingebracht werden.
Dann wird dieser wieder mit dem nährstoffarmen Boden verfüllt, leicht verfestigt (angetreten) und oberflächlich etwas gehackt und geharkt, um ihn endgültig für die Aussaat vorzubereiten.
Aussaat
Der optimale Aussaatzeitpunkt liegt in den Monaten März und April. Das ist etwas später, als der Aussaattermin für die Schwarzwurzeln.
Mit einer Schnur werden Saatrillen mit einem Reihenabstand von 15 Zentimetern gezogen. Die Samen werden mit einem Abstand von drei bis fünf Zentimetern gesät, denn wie bereits erwähnt beanspruchen die Wurzeln etwas Platz. Die Saattiefe beträgt zwei Zentimeter.
Nach dem Aufgehen der Samen und dem ersten Erstarken der Pflänzchen, das ist etwa Ende Mai , wird auf zehn Zentimeter Abstand vereinzelt. Dabei sollte man die überzähligen Pflänzchen mit einem Messer oder einer Schere herausschneiden. Werden sie hingegen herausgerissen, schädigt man die Wurzeln der Nachbarpflanze.
Nun werden diese ihre Wurzeln schnell in die Tiefe strecken, um von dort vom reichen Nahrungsangebot schöpfen zu können. Nebenwurzeln bilden sich aus Mangel an oberflächlicher Nahrung kaum, und somit bleibt die Hauptwurzel gerade und unverästelt, sowie wir sie uns optimalerweise wünschen.
Pflege
Nachdem die Haferwurzelpflänzchen aufgelaufen sind, muss mitunter schon einmal zwischen den Reihen vorsichtig das Unkraut gehackt werden. Bei Trockenheit wird gegossen.
Das sind die Arbeiten bis zum Herbst, welche von Monat zu Monat jedoch weniger werden, da sich die Tiefwurzler auch bald das benötigte Wasser aus der Tiefe holen.
3) Die Haferwurzel mit ihren charakeristischen schmalen, grasartigen Blättern. Hier im Mischkulturanbau.
Ernte
Ab Herbst können die Wurzeln geerntet werden. Man sticht sie tief aber vorsichtig mit dem Spaten heraus. Ist der Boden sehr fest, dann sollte man neben der Pflanzen einen schmalen Graben ausheben und die Haferwurzeln dann so herausholen, dass sie in Richtung dieses Grabens gedrückt und leicht herausgezogen werden können.
Der kleine Mehraufwand bei der Ernte kommt aber auch gleichzeitig wieder der Bodengüte zugute, denn beim Anbau dieses Gemüses überhaupt wird der Boden einmal wieder ordentlich gelockert. Das ist übrigens bei etlichen Wurzelgemüsen der Fall.
Wer nun wie ich alle Beete für Wurzelgemüse unmittelbar nebeneinander anlegt und jedes Jahr damit im Gemüsegarten weiterrückt, hat nach etwa fünf Jahren die gesamte Anbaufläche einmal tiefgründig gelockert.
4) Von der März-Ernte können sowohl Wurzeln als auch junge Blätter (für Salate) in der Küche Verwendung finden.
Ab dem Herbst werden Haferwurzeln geerntet. Sie werden herausgegraben und in einem kühlen, trockenen Raum wie beispielsweise im Keller in Sand einschlagen. Da die Haferwurzel aber absolut winterhart ist, kann sie bis zur Ernte, was sehr praktisch ist, auch auf dem Beet verbleiben.
Damit wir auch bei Frost ernten können, ist es ratsam, einen Teil dieser Fläche mit Laub oder ähnlichen Materialien abzudecken, damit dort der Frost nicht in den Boden eindringt. Sind die Wurzeln einmal ausgegraben, sollten sie sofort verarbeitet werden, denn sie verlieren ihre Festigkeit sehr schnell. Liegen sie über einen Tag, dann werden sie bereits schlapp.
Eigene Samenzucht
Zur eigenen Gewinnung von Saatgut rate ich unbedingt, weil nur frischer Samen einwandfrei aufgeht. Für diesen Zweck nehmen wir von der Ernte die fünf schönsten Wurzeln und graben sie an einem ungestörten Platz, der auch leicht überschattet sein kann, wieder ein.
Dort sollten sie sich aber nicht selbst überlassen bleiben, denn etwas Pflage ist nötig. So sollte das Beet unkrautfrei sein und bei Trockenheit muss gegossen werden. Setzt im Mai die Blüte ein, wird mit einem Universaldünger moderat gedüngt. Die Blüten reifen nicht alle zugleich aus.
Ist eine Blüte reif, was man daran erkennt, dass sie einer "Pusteblume" ähnelt, sollte sie bald geerntet werden, denn die einzelne Samen fliegen, besonders bei Trockenheit, bald davon. Auch vor einem Regenguss ist es ratsam, die Samenstände zu kontrollieren. Es ist kein Problem, ein wenig zu zeitig als zu spät zu ernten, weil die Samen an einem trockenen Ort gut nachreifen.
Sind die Samen abgeerntet, so können wir die alten Pflanzen herausnehmen. Im Gegensatz zur Schwarzwurzel, die eine dauerhafte Samenmutterpflanze bildet, ist die Haferwurzel nur zweijährig und nach der Blüte nicht mehr zu gebrauchen.
Erfahrungen und Bewertung
Für den Anfänger in der Kleingärtnerei ist die Zucht der Haferwurzeln sicher nicht geraten. Das A und das O der Kultur ist letztlich die eigene Samengewinnung, was mindestens zwei Jahre Kulturzeit dauert. Mittelfristig sollten wir das Wurzelgemüse jedoch in unserem Anbauplan vorsehen, denn in schlechten Schwarzwurzel-Jahren ist sie eine gute Ersatzkultur.
Das vor allem auch, weil beim Ausfall der Schwarzwurzel ab Mai nicht mehr nachgesät werden kann, denn das würde keinen lohnenden Ertrag mehr bringen. Die Haferwurzel hingegen können wir im Mai noch aussäen und so die Lücken in den Schwarzwurzelreihen schließen.
Doch nicht zuletzt ist es die Bereicherung unseres Gemüseangebots, wie oben bereits erwähnt, dass wir uns für dieses alte Wurzelgemüse entscheiden, denn in dieser Beziehung haben wir in den letzten 120 Jahren eine unwürdige Verarmung hinnehmen müssen.
Allein was die Wurzelgemüse betrifft, so baute man noch um 1900 neben der besagten Schwarz- und Weißwurzel folgende Kulturen an: Goldwurzel (Scolymus hispanicus), Klettenwurzel (Bardanae radix), Raponica (Gemeine Nachtkerze, Oenothera biennis), Zuckerwurzel (Sium sisarum), Knollenziest (Stachys affinis), Yams (Lichtwurzel, Dioscorea polystachya), Süßkartoffel (Ipomoea batatas), Erdmandel (Cyperus esculentus) und Rapunzelrüben (Ährige Teufelskralle, Phyteuma spicatum) [3].
Quellen und Erläuterungen
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[1] Rümpler, Theodor; Illustrierte Gemüse- und Obstgärtnerei (Bearbeitete Auflage); Verlag von Wiegand, Hempel & Parey; Berlin 1879
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[2] Es kann auch mit Stickstoffdünger aufgebesserter Kompost sein. Auf jeden Fall müssen Mistdünger und Kompost gut verrottet sein, damit das organische Material im Boden nicht fault.
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[3] Lange, Theodor; Allgemeines Gartenbuch. Band 2: Gemüse und Obstbau; Leipzig, Spamer 1908
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