Sphinx am Wasser zwei gespiegelte FotosGespiegelte Bilder wirken immer sehr verschieden. Warum?
Gespiegelte Bilder wirken immer sehr verschieden. Warum?

Die menschliche Wahrnehmung ist beeinflussbar und kann getäuscht werden. Diesen Umstand nutzen Werbefirmen, Politiker und Medien reichlich und mit immer mehr und mit ständig verbesserten Methoden, und vermutlich nur zum Eigennutz. Die Gartenkunst ist auch nicht ganz frei von diesen Wahrnehmungsbeeinflussungen, welche sie im positiven Sinne verfolgte. Sie übernahm diese aus der Malerei, als derjenigen Kunstsparte, welche dem Wesen nach am engsten mit der Gartengestaltung verbunden ist. Es ist die Kunst des Malers, den Betrachter mit seiner zweidimensionalen, unbeweglichen Bilderwelt so zu täuschen, dass er diese als reale Welt, als einen künstlichen Kosmos, oder als Kunstlandschaft wahrnimmt.

Gärten sind ohnehin eine Kunstlandschaft und eine Illusion – sie sind keine Natur, sondern idealisierte Natur. Ein guter Gartendesigner ist immer auch ein guter Illusionist. Wie man die erwähnten optischen Wahrnehmungsmöglichkeiten gestalterisch umsetzen kann, werden unten aufgezeigt. Sie ähneln alle den Regeln der Wahrnehmungslehre, welche grundlegend in der Malerei und Graphik gelehrt werden. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass ich schon zu verschieden Themen Tipps auf dieser Internetseite gegeben habe, etwa wie man kleine Gärten optisch vergrößern kann, wo bereits eine ganze Palette illusionistischer Tricks zu Anwendung kommen. Gestalterische Illusionen habe ich bereits auch am praktischen Beispiel besonders romantischer Projekte, wie den geheimnisvollen Feen-Gärten beschrieben. Hier folgen nun weitere Möglichkeiten:

Ungleiche Seiten

Links und rechts

Merkwürdigerweise ist die Unterscheidung von oben und unten für den Menschen wichtiger als diejenige von rechts und links. Aus diesem Grunde verwechseln viele die rechte und linke Seite, aber keiner oben und unten. Dennoch kann man ein Ungleichgewicht bei der Seiten-Wahrnehmung feststellen, was manche Forscher auf die Dominanz der linken Großhirnrinde zurückführen, wo sich die Gehirnzentren für Sprechen, Schreiben und Lesen befinden.

SpiegelbidDer Betrachter hat das Gefühl, dass die erste Treppe aufwärts geht und die zweite Bergab.

Wenn auch das linke Sehzentrum dominant sein sollte, so meist die moderne Hirnforschung, müsste man die Dinge auf der rechten Seite schärfer wahrnehmen als solche auf der linken. Doch das tut man nicht. Um diesen Mangel auszugleichen, richtet jeder Mensch die Aufmerksamkeit spontan nach links. Daraus wiederum folgt die Gewohnheit, dass Dinge, welche sich links im Raum befinden, häufig anders gewichtet werden als solche, die rechts sind. Daraus folgt die Tendenz, dass die spontane Aufmerksamkeit der linken Seite gilt von der man die rechte Bildstruktur aus beobachtet. So wird was rechts ins Blickfeld gerät, deutlicher wahrgenommen. Es erscheint dem Betrachter häufig größer und schwerer. Andererseits scheint die linke Seite dynamischer, während die Dinge auf der rechten Seite unbeweglicher aussehen und ruhen. Entsprechend bauen Kunstmaler ein Bildkomposition auf. Motive, welche Ruhe ausstrahlen sollen, befinden sich in diesem Falle rechts. Soll Bewegung verstärkt werden, kommen nach links. Die Wichtigkeit dieser Kompostitionsregeln zeigen sind im praktischen Beispiel verdeutliche dann, wenn man ein Foto spiegelt. Beachte zum Beispiel dir Fotos spiegelverkehrt und du wirst erstaunt sein, wie fremd sie dir vorkommen. Was Bildkompositionen in der Gartengestaltung betrifft, so kann man mit diesem Wissen interessante Effekte bewirken und zum Beispiel einen Abhang darstellen, wie einen Aufstieg (Bild oben).

Oben oder unten - die Horizontlinie

In der vertikalen Wahrnehmung von Objekten gibt es nochmals eine Unterscheidung, ob Gegenstände (z.B. Plastiken) unterhalb oder oberhalb der Augenhöhe stehen. Diese imaginäre Linie, welche sich genau auf Augenhöhe eines Betrachters befindet, nennt man auch Horizontlinie. Und mit der Kenntnis über die Wirkung dieser Horizontlinie können wir in der Gartengestaltung eindrucksvolle Effekte erzielen. Hierzu bitte den gekennzeichneten Link weiter verfolgen. Die Garten- und Parkgestalter haben schon immer mit den Spiegelungseffekten des Wassers gespielt, wo sich auch eine Art Horizontlinie bildet, was sich am eindrucksvollsten an einer Bogenbrücke zeigt, welche über einer ruhenden Wasserfläche gespannt ist. Auf diese Weise entsteht auch eine Form der Symmetrie.

Die Waagerechte und das Liegende

Waagerechte, also horizontale Strukturen werden in der Landschaft als ruhend und kaum bedrohlich wahrgenommen. Will man beispielsweise einen Zaun optisch weniger gewichten, so baut man ihn als Schranke mit liegenden Stangen oder Brettern. Auch Hecken werden eher als liegende Streifen wahrgenommen und strahlen Ruhe aus. Möchte der Planer Bänke in einem Park unauffällig platzieren, so wählt er möglichst flache Modelle ohne Lehne. Die minimalistische Bank im Foto habe ich in einem japanischen Garten fotografiert. Sie hat natürlich Stil, doch nicht immer können wir das optimale künstlerische umsetzen, denn das Klientel, welches Parkbänke benutzt, wird ganz sicher bequemere Varianten vorziehen. Interessant ist die Anwendung der hier behandelten Gestaltungsregel in der Friedhofsgestaltung bezüglich der liegenden Grabmale. Friedhöfe auf denen Liegesteine wirklich auch waagerecht gelagert werden (ein Beispiel hierfür ist der Herrnhuter Gottesacker), behalten ihren landschaftlichen Charakter. Die Grabmale stören in keiner Weise das Landschaftsbild.

Herrnhuter Gottesacker Efeugräber Liegesteine und RasenEine ruhige Optik, welche doch eine Spannung gewisse aufweist.

Sobald, was mancherorts Sitte ist, die Steine schräg gelegt (siehe "Das Schräge") oder gar pultförmige Grabplatten gesetzt werden, entsteht eine entsetzliche optische Unruhe. Ähnliche Effekte gibt es in der Gartengestaltung viele. Man will ein gelungenes Motiv kopieren, macht dabei jedoch eine winzige Veränderung und produziert Scheußlichkeiten.

Die Senkrechte

Prinzipiell werden vom menschlichen Auge vertikale (senkrechte) Linien eindrucksvoller wahrgenommen, als horizontale (waagerechte). Die Stele in aufrecht stehender Form ist gegenüber der horizontalen Bodenfläche dominant und wirkt deshalb Zeichenhaft und bedeutsam. Mit vertikalen Objekten können Punkte in der Landschaft betont werden: Stelen, Bildstöcke, Obelisken, Plastiken, Springbrunnen (senkrechte Wasserfontäne) usw. Ein Zaun kann durch Ausnutzung der unterschiedlichen Wahrnehmung transparent wirken oder eine Barriere sein. Ist der Zaun horizontal gegliedert (Schranke), so gliedert er den Raum, doch er grenzt ihn nicht ein (siehe oben). Ist der Zaun vertikal strukturiert (Staketenzaun, Palisaden), so wirkt er als Grenze oder Bollwerk. Trotz dieses Achtungszeichens einer vertikalen Linie (man beachte sie auch im Ausrufezeichen!) wird sie in der Wahrnehmung nicht als bedrohlich wahrgenommen, sondern wohl eher als schützend und die Aufmerksamkeit steigernd.

Vertikaler Garten

Sogenannte "vertikale Gärten" sind nicht nur eine Anlageidee von Künstlern (Patrick Blanc), sondern umsetzbare Konzepte, wo der Gartenraum maximal ausgenutzt werden soll oder muss. Begrünte Wände, Spaliere, aber auch die Ausnutzung abgesenkter Bereiche, wie Hohlwege sind entsprechende Möglichkeiten.

Rechter Winkel und Viereck

Vereinen wir die Horizontale und Vertikale, entsteht ein Viereck. Das Viereck und mit ihm den rechten Winkel finden wir in Garten und Landschaft in vielerlei Weise – zunächst, wenn wir aus dem Fenster nach draußen schauen, entsteht durch dieses eine Rahmenwirkung. Umsichtige Architekten schaffen auf diese Art malerische Bildeffekte. Gleiches können gut platziere Türen und Tore bewirken. Moderne kubische Häuser oder entsprechende Kleinarchitekturen wie Garten- oder Gerätehäuser mit Flachdach haben hingegen den Effekt, dass sie in der Landschaft neutral und unauffällig wirken. Zäune, bei deren Strukturen die Waagerechte und Senkrechte miteinander vereint sind, besitzen eine wertfreie Optik und wirken nie aufdringlich.

Das Schräge

Nicht ohne Absicht erwähnte ich oben, dass horizontale Linien nicht bedrohlich wirken – schräge schon und dass ist wohl durch einen symbolischen Urtypus (archteypisches Zeichen) bedingt: Das Achtungsschild ist deshalb dreieckig geformt, der Chinese hängt im Feng-Shui-System gekreuzte Flöten auf, um Diebe im Laden fern zu halten und unsere Altvorderen stellten einen Besen schräg in die Tür, um Zigeuner vom Hause fern zu halten. So kann ein Scherengitterzaun (Jägerzaun) mit seinen im Rautenmuster genagelten Latten seine Funktion erfüllen und dazu noch signalisieren, dass hier eine abwehrende Granzbarriere steht, doch dieser Stil passt nicht überall in die Umgebung. Das Gleiche gilt für alle schiefen modernen Architekturen. Allein das Spitzdach oder die Zeltform ist anders zu behandeln, da hier das Abwehrende schützend empfunden wird.

Symmetrie - spannungsreiche Ruhe

Die Symmetrie ist keine Erfindung des Menschen - wir finden Symmetrie in den Blättern der Bäume oder im Spiegelbild einer ruhenden Wasserfläche. Die menschliche Form wird um so schöner empfunden, je symmetrischer der Körper gebaut ist. Symmetrie ist das Gleichgewicht der Formen, die im Spannungsfeld der unterschiedlichen Wichtung des menschlichen Auges stehen (siehe oben "links und rechs"). Damit sind symmetrische Anlagen, wie wir sie aus der Renaissance oder aus dem Barock kennen am Ende gar nicht so eintönig, wie sie sein müssten, zumal die Gesamtkomposition mit Architektur und Landschaft zusätzliche Effekte schafft. Der Betrachter einer Anlage sucht unbewusst immer die Symmetrieachse. Diese kann man deutlich kennzeichnen, etwa mit einer Plastik was das Auge dann auf diesen Punkt lenkt. Solches Lenken des Blickes kann auch den Grund haben, dass etwa von anderen Garten- oder Parkteilen abgelenkt werden soll.

Spiegelung einer Parklandschaft auf der WasserflächeSich spiegelnde Parklandschaft

Die Spiegelbildlichkeit wird in der Gartengestaltung aber nicht nur in der horizontalen entwickelt, wie wir sie etwa von geometrisch gegliederten Gärten hier kennen, sondern auch über die Vertikale, so bei spiegelnden Wasserflächen im Zusammenspielen mit Brücken oder Uferbepflanzungen. So können bunte Rhododendron- oder Azaleen-Bepflanzungen am Ufer eines stillen Gewässers die Blütenpracht der Gehölze im Frühjahr optisch verdoppeln.

Die Wirkung von Formen –  Transparenz und Körperlichkeit 

A – Die Form aus konkaven Linien der Skizze sieht aus, wie ein Loch. Solche Formen wirken auch in der Natur transparent, wie Gräser oder Gehölze mit aufgelockerten Habitus (mit konkavem Schwung) – sie stören nicht die räumliche Gliederung des Gartens. 

Formen Konkav Viereck KonvexVerschiedene Formen

B – Das Rechteck in der Mitte könnte ein Fenster oder ein Steinklotz sein. Das Gartentor ist eine transparente Barriere. Albert Baumann lehrte hierzu:

Das Rechteck als Grundriss, das in Millionenzahl zum Gestalten unserer Aufenthaltsräume verwendet wurde, ist für uns Menschen die Flächenform des Verweilens und der Ruhe, der Kreis und das Oval die der Bewegung.

C – konvexe Formen sehen wir als Körper, sie ziehen die Blicke an und sie wecken und fordern unsere Aufmerksamkeit.

Verschiedene Formen Gras Zaun BuchsbaumkugelFormenspiel

Hier im letzten Bild sind die oben erwähnten Grundformen noch einmal in der Praxis aufgezeigt. Gräser sind wie transparente Gardinen vor dem Fenster. Stehen sie im Raum des Garten, stehen sie optisch nie im Wege, die Raumwirkung nicht störend. In der Mitte der Zaun wirkt optisch neutral und die Buchsbaumkugel ist ein Aufmerksamkeitsmagnet.