Proportionen Steinbank 1 : 3A.) Die moderne Steinbank besitzt das Maß 1 : 3 von Höhe zu Breite. Perfekte Bildkomposition.
A.) Die moderne Steinbank besitzt das Maß 1 : 3 von Höhe zu Breite. Perfekte Bildkomposition.

Definition: Der Begriff Proportionen leitet sich vom lateinischen proportio ab, welches das "entsprechende Verhältnis" von Dingen zueinander bezeichnet, welche zueinander in einer Beziehung stehen. In den meisten Fällen, wie in der Architektur, regeln Proportionen Verhältnisse der Formen und Maße zueinander. Die Einfachste lineare Proportion teilt einer Strecke im Verhältnis 1:1. Die nächste Stufe ist die Proportion ist die der Fläche eines Quadrates, wo die Höhe zur Breite (Länge zur Breite) optisch im Verhältnis zueinander steht: 1:2, 1:3, 1:4 usw. ergibt immer klar wahrnehmbare Maßverhältnisse, die jedoch mit zunehmender Vervielfachung der einen Größe 1:10 oder 1:11 usw. verunklaren.

Gartenpforte im goldenen SchnittB.) Gartenpforte im goldenen Schnitt. Die Alten trafen oft intuitiv die richtige Form.

Maßverhältnisse in der Gartengestaltung

Die einführenden Zeilen zeigen zunächst, was man unter Proportionen versteht. Zu den Möglichkeiten von Proportionen gehört auch noch die Thematik um den sogenannten Goldenen Schnitt, den ich erst später behandeln möchte. Zunächst stellt sich die Frage, ob in der Gestaltung von Gärten die Maßverhältnisse ebenso von großer Wichtigkeit sind, wie etwa in der Architektur. Dort spielen Proportionen eine wichtige Rolle und tatsächlich sind auch die Gärten unter dem Gesichtspunkt eine Variante der Architekturgestaltung und entsprechend zu beurteilen.
Allerdings möchte ich auf den Umstand hinweisen, dass die Gartenkunst nicht nur von der Architektur geprägt ist, sondern recht umfänglich auch von der Malerei. Und die Malerei ist wohl diejenige Kunst, welche ohne die Beschäftigung von Maßverhältnissen nicht zu denken ist. So ist das Anlegen und Gestalten von Gärten und Parkanlagen um so mehr mit den architektonisch-mathematischen und den malerisch-optischen Maßverhältinssen involviert, weil Architektur und Malerei zugleich Eingang in in die Gartenarchitektur gefunden haben und die Lehre von den Proportionen innerhalb der Gartenkunst somit aus zwei Quellen schöpft.
So können einerseits rein mathematische Maßverhältinsse Anwendung finden, etwa bei der Konstruktion einer Zaun- und Toranlage, aber auch rein optische Gewichtungen, wie sie in der Malerei und Bildhauerkunst vorzugsweise Anwendung finden. So wird der Bildhauer beispielsweise bei einer menschlichen Skulptur die Hände immer ein wenig dicker und größer gestalten, als sie in Wirklichkeit sind, einfach weil sie optisch sonst unproportioniert aussehen würden.

Proportionen Plastik Hand

Von der Malerei kennen wir von der Bildkomposition her, dass das menschliche Auge die rechte Bildhälfte eines Gemäldes intensiver wahrnimmt, als die linke. Daraus ergeben sich in der Malerei bestimmte Effekte, die zum Teil auch in der Gartengestaltung Anwendung finden können. Im einfachsten Falle bedeutet das für eine symmetrische Gestaltung, wie man sie etwa vom französischen Gartenstil her kennt, dass die Anlage zwar mathematisch ausgewogen ist, für den die menschliche Wahrnehmung im Unterbewusstsein eine leichte Asymmetrie zustande kommt, welche wiederum eine angenehme optische Spannung aufbaut. Unter diesem Aspekt betrachtet, sind die französischen, italienischen und barocken Gärten mit ihren Symmetrien gar nicht so langweilig, für wie man sie oft hält.
Aber auch die Architektur kennt vielerlei optische Proportionen, auf jeden Fall die klassische Architektur und ist übertragbar auf die Bauten im Außenbereich. Wir alle kennen den klassischen Rundbogen an Fenstern, Türen und Torbögen. Dieser lässt sich aus Rechteck und einem mit dem Zirkel gezogenem Halbkreis leicht konstruieren und ist so auch Vierorts zu finden (Bild E.). In den Gärten ist es das Gartentor mit Rundbogen oder die das exklusive Gartenhaus oder der Pavillon mit Rundbogenfenster. So weit so gut. Den Alten genügte so etwas nicht und gaben der Rundbogenkonstruktion mehr optische Spannung indem der Mittelpunkt des Halbkreises etwas höher angesetzt wurde (Bild D.). Man spricht dann von einem gestelzten Bogen. Dieser ist damit also etwas höher gezogen und wirkt dadurch optisch leichter.

Proportionen gestelzter BogenD.) Gestelzter Bogen aus barocker Zeit am Altar einer Dorfkirche.

Das gleiche Prinzip kann man sich in jeder alten gotischen Kirche anschauen, wo die Gewölbe zwar einer komplizierten Geometrie folgen. Diese gotischen Gewölbekonstruktionen besitzen immer eine optische Lebendigkeit, welche dadurch entstand, dass die Bauleute in Wirklichkeit hier und da die strenge Geometrie doch verließen und von ihr Abwichen. In der Neogotik tat man das nicht mehr und baute mathematisch exakt. Diese Rippengewölbe wirken aber auch nur wie toter Stein und haben keine Seele.
Im Garten gilt es diese Prinzipien zu erkennen und bewusst anzuwenden. Durch Strenge und Abweichung von der Strenge bekommt der Garten eine Seele, das was so vielen Anlagen fehlt.

Proportionen moderner Torbogen aus BetonsteinE.) Moderner Torbogen. Ihm fehlt die Stelzung und ein Gefühl für Proportion (vergleiche mit Bild B.) Lebendigkeit bringen zum Glück die Rankrosen.

Landschaft im verkleinerten Maßstab?

Ein Hauptproblem der richtigen Größenverhältnisse in der Gartengestaltung ist die Darstellung von Landschaften im verkleinerten Maßstab. Diese Kunst beherrschen nur wenige und es ist schon schwierig z.B. einen Hügel (Berg, Felsen) in verkleinerte  Verhältnisse zu kopieren. So raten Gartenarchitekten eher ab in solchen Verhältnissen einen Hügel zu gestalten, sondern besser abgesenkte Gartenbereiche anzulegen, welche gleichermaßen eine Berglandschaft suggerieren. Im Steingarten kann das zum Beispiel ein Hohlweg sein, an Stelle eines aufgeschütteten Hügels.

Einzig die Chinesen und Japaner beherrschen es Landschaftsbilder im verkleinerten Maßstab in ihren Anlagen umzusetzen. Das bewirken sie durch Stilisierung und vor allem durch das Nebeneinandersetzen von architektonischen Elementen (Mauern, Brücken, Gebäude, Treppen und formale Wege), also die innige Verbindung von dem Architekturgarten mit rau und wild stilisierten Felslandschaften und mit der Darstellung von Kontrasten.

chinesische GartenlandschaftF.) Die Felsen wirken gewaltiger, als sie wirklich sind und der See ist in Wirklichkeit ein kleiner Teich. Chinesischer Garten in Bochum.

Um ein weiteres Beispiel zu nennen, wie es chinesische Gartenkünstler verstehen, den im Bild F.) abgebildeten Teich gewaltiger wirken zu lassen, als er in Wirklichkeit ist, das ist das Anlegen des Teiches ohne Uferbegrünung und dessen sofortiger Übergang in den Fels. Das Gestein spiegelt sich so im Wasser gewinnt an Größe. Statt Uferpflanzen befinden sich in der Mitte des Teiches Seerosen. Auch das ist ein optischer Trick, um einen Teich zu See werden zu lassen. 

Da zur Gartenkunst auch die Planung und Gestaltung der Friedhöfe zählt, soll auch dieses Thema angeschnitten werden. Hier spielen neben den gärtnerischen und architektonischen Anlagen auch die Proportionen von Grabdenkmälern eine Rolle:

Proportionen am GrabmalG.) Dieses Grabmal wirkt vor allem durch die gewählten optischen Maßverhältnisse. Es ist schlicht und zeitlos im Stil und ohne Düsternis.

Proportionen in der Grabmalgestaltung

Stehende Grabmale sollten im Verhältnis von Breite zu Höhe ein Maßverhältnis von mindestens 3:1 besitzen, wie hier im Bild (G.). Durch die leicht gespannten Flächen und Ecken und durch die leichte Verbreiterung zum Schaft hin, wirkt der Stein statisch und optisch sehr ruhig, aber doch lebendig.
Körper können in ein passendes Verhältnis zueinander gesetzt werden, auch wenn deren Form unterschiedlich ist. Die Bezugsgröße ist dann der Rauminhalt. Im gärtnerischen Bereich kennen wir diese Überlegungen bezüglich der Proportionen bei der Grabmalgestaltung.

Das Maß des Menschen

Der Begriff und der Gedanke, dass in der Architektur von Gebäuden aber etwa auch im Entwurf von Möbeln und Gartenmöbeln die menschlichen Grundmaße bestimmen sein sollten, liegt auf der Hand, da beispielsweise ein unproportionierte Gartensessel unbequem ist, wenn er nicht der Phyiolognomie des menschlichen Körpers entsprecht. Ähnlich verhält es sich mit den Maßen an einem Wohnhaus bis hin zu dessen kompletter Einrichtung.
Es ist sicher kein Zufall, dass sich der Architekt und Maler Le Corbusier (1887–1965) besonders mit dieser Thematik beschäftigte und das sogenannte Modulor-Maßsystem entwarf, also ein Proportionsschema, welches die Maßverhältnisse für die Architektur und Innenarchitektur von Wohngebäuden mit dem Maßmittelpunkt Mensch systematisierte. Man informiere sich in entsprechender Literatur weiter. Allerdings ist festzustellen, dass sich die Ideen des Le Corbusier bis heute nicht so recht durchgesetzt haben.

Moderne VillaH.) Diese Villenarchitektur macht aus den Gebäuden bewohnbare Garagen und offenbaren den Verlust am Sinn für optische Maßverhältnisse.

Man bemerkt das nicht selten, wenn man neue Eigenheimsiedlungen durchstreift. Da finden sich auch vom Prinzip her andere Maßsysteme, etwa die des Automobils. Was ich sagen will, ist, dass so manches Eigenheim und selbst so manche moderne Villa (Bild H.) eine Art bewohnte Garage zu seien scheint, als der Wohnplatz von Menschen. Haben früher die Alten die Hauptfassade ihrer Häuser mit viel Sorgfalt und Liebe repräsentativ und ansprechend gestaltet, so scheint heute diese Art zu Denken und Bauen fast absolut in Vergessenheit geraten zu sein. In diesen Fälle kann dann nur noch der Garten- und Landschaftsplaner durch eine gekonnte Außengestaltung die schlimmsten optischen Fehler kaschieren. Zu dieser Thematik habe ich Tipps auf der Seite "Hauseingang gestalten" gegeben.

Treppenhöhen

Weniger spektakulär sind im Landschaftsbau solche Maßverhältnisse, wie wir sie an Treppenstufen vorfinden. Gerade diese haben einen absoluten Bezug auf das "Maß des Menschen" und wenn diese Proportionen nicht stimmen merken wir es erst, wenn wir Stufen nicht so recht flüssig herab oder herauflaufen können. Zur Thematik des sogenannten Schrittmaßes an Treppen habe ich gesondert informiert.

Goldener Schnitt und stetige Teilung

Goldener Schnitt ZeichnungGoldener Schnitt ZeichnungDer Goldene Schnitt ist eine besondere Proportion, bei der sich die Teilung einer Strecke AB so verhält, dass sie sich zu ihrem größten Teilungsabschnitt AC so verhält, wie dieser (AC) zum kleineren Teilungsabschnitt CB - dann ist AB: AC = AC:CB = ca. 1,622.
Rechts siehst du ein Rechteck in den Proportionen des goldenen Schnittes und zwar ist hier (a = ca. 3 cm) und (b = ca. 1,85 cm) a:b = 1,622. 
Weiter zum Bild: Wird nun die Fläche des Rechtecks immer wieder im Goldenen Schnitt geteilt entsteht in der geschwungenen Verbindung der Eckpunkte der ineinander liegenden Rechtecke ein harmonisches Spiralenmuster, dessen Prinzipien nicht selten in den Lebensformen unseres Planeten wieder zu finden sind z.B. Spiralschnecken (Ammoniten, Tonnenschnecken, Seeohren) oder Schraubenmuster in der Anordnung von Sonneblumenkernen oder in Koniferenzapfen. Bei der Idealform des Menschen liegt der Nabel im Goldenen Schnitt.
Im regelmäßigen Fünfeck lassen die sich schneidenden Diagonalen einen Goldenen Schnitt entstehen - die geometrische Weiterführung endet im Pentagramm.