Japanischer Garten Erfurt Tori
Durch die TORI führt ein Treppenweg am stilisierten heiligen Berg vorbei

Es gibt sicher etliche Beschreibungen vom Japanischen Garten in Erfurt, eine bemerkenswerten und außergewöhnlichen fernöstlichen Gartenanlage im ega-Park. In der vorliegenden Beschreibung soll jedoch besonders auf die gestalterischen Aspekte hingewiesen werden, welche wir auch auf unser japanisches Gartenprojekt daheim übertragen können. Für denjenigen, der in der Gartenanlage unterwegs ist, kann sich aber auch an den verschiedenen Stadtionen Anregungen zur Betrachtung holen, denn allzu oft gehen wir mit fehlender Aufmerksamkeit durch solcherlei Garten- und Parkanlagen und versäumen die besten Motive, welche und Gestalter und Natur auf dieser Bühne bereitgestellt haben. Der japanische Garten im ega-Park wurde erst im Mai 2002 eröffnet und hat eine Fläche von 7.000 m².

TORI und die ZEN-Religion

Der japanische Garten mit seinen vorangestellten Anlagen, welche und Stückweise auf die Hauptanlage vorberieten liegen im egapark Erfurt am Hang nord-westlich des Hauptausstellungsgeländes. Es gibt einen obere Gartenteil, der den Zugang vom Hauptgelände bietet.

Teehaus Erfurt

Dieser ist mehr in freier Waldlandschaft gestaltet und keine in sich geschlossene Gartenanlage. Am Weg, der zur ansteigenden Treppe hin zur Hauptanlage führt, steht ein symbolische Tor, welche eine absolute Eigentümlichkeit der japanischen Kultur darstellt. Es ist das sogenannte TORI, sprachlich offensichtlich mit unserem Tor verwand, und markiert einen heiligen Bezirk: den hier durch den besagten Treppenweg gekennzeichneten "mühevollen Weg des ZEN". Die ZEN-Religion müssen wir uns als Europäer weniger als Religion oder Philosophie vorstellen. ZEN ist wohl mehr eine Einübung, die Denken und Handeln in Einklang bringen soll. Diese Einübungen bedienen sich vielschichtiger abstrakter Symbole und Natursymbole. Die ZEN-Priester legten als Orte der Kontemplation nicht nur Klosteranlagen und Tempel an, sondern auch ganz bewusst Gärten. So sind japanische Gärten in ihrer Stilform vor allem Produkt der alten und neuen Zenmeister. In diesem Sinne sollen wir uns auch diese Symbole verinnerlichen, denn die bloße Kopie eines TORI oder einer Steinlaterne in das eigene Gartenprojekt wäre sonst ohne Substanz und zur Schau gestellte Sinnlosigkeit.

Mythologischer Berg

Der Besucher steigt die Treppenstufen zur Gartenanlage hinab und kommt an einem stilisierten, mit Bodendecker-Bambus bepflanzten Heiliger Berg (SHUMI-SEN) vorbei. Das ist ein gigantischer mythologischer Berg (buddhistischer Weltenberg Meru), der das Zentrum der Welt darstellt. Er ist ähnlich dem Olymp Wohnsitz der Götter, doch auch das Zentrum, um welches Planeten, Sonne, Mond und Sterne kreisen. Er bestimmt den Lauf der Jahreszeiten und das Wohl der Menschen. Unterhalb des Treppenweges gelangen wir nun zum Eingang eines wunderschönen Teehausgarten.

Grenze

Den Teegarten, dessen Aufbau und Funktion separat beschrieben wird, ist nun klar von der umgebenden Parkanlage abgeschlossen. Ein angedeutetes Torhaus ist der Zugang, doch auch hier gibt es eine absichtliche Trennung zur Außenwelt. In diesen speziellen japanischen Gärten sind nämlich die Torschwellen längs geteilt, sodass sie eine äußere und eine innere Schwelle besitzen, um den Eintritt in eine qualitativ neue Welt zu dokumentieren.

Gartenzugang Steinlaterne

Nach Eintritt gelangen wir auch nicht sogleich in den nochmals abgetrennten Garten für die japanische Teezeremonie. In diesem vorgelagerten Bereich befindet sich eine kleine Schutzhütte, welche für wartende Gäste gedacht ist, welche sich hier für das Ritual der Teezubereitung bereit machen können. In der Regel ist das Teehaus in Erfurt mit seinem darumliegenden Bezirk geschlossen und als ega-Park-Besucher gelangen wir nun, diesen Bereich links liegen lassend, wiederum an einem inneren Tor vorbei in die weitläufigere japanische Gartenanlage. Wer aufmerksam ist, der bemerkt am Rande des Weges ein Wasserbecken, welches bei der Teezeremonie einer rituellen Waschung dient, um die Gedanken an die Außenwelt weiter ablegen zu und sich ganz auf diesen Mikrokosmos einlassen zu können. Grazile Bambuszäune gliedern den Garten im inneren. Sie grenzen klar ab, sind dabei jedoch transparent und optisch relativ neutral. Ein Trittsteinweg soll dabei unsere Schritte verlangsamen und wir bemerken einige japanische Steinlaternen, welche den Ort als einen heiligen Raum markieren.

Garten der skulpturalen Schönheit

Weiter gelangt man nun über den "Glyzinienhof" in einen Felsgarten. Die hier gepflanzten Glyzinien sind die Art Wisteria sinensis (Chinesischer Blauregen), welche neben den Zierkirschen eine der beliebtesten Blütengehölze in Japan ist. Dort heißt die Glyzinie übrigens FUJI - wonach auch der japanischste aller Berge - der Fuji-San (Fujiyama) benannt ist. Weiter führt der Weg hinab zum "Garten der skulpturalen Schönheit". Der Garten wird von geschnittenen Wallhecken aus japanischen Azaleen gerahmt. Einige Felsgruppen sind zwischen diesen Wallhecken in Szene gesetzt.

Wallhecken

Bei der Gestaltung wird immer die Harmonie der Asymmetrie und der ungeraden Zahlen angestrebt, da dies Glück verheißt und die bösen Geister abwehrt, wie man in Fernost glaubt. Das Besondere dieser herabwallenden Hecken ist die Silhouettenwirkung der Formschnitte. Hier wird dem Auge Entfernung vorgetäuscht. Man bekommt im Garten von dieser Wirkung das Gefühl der Weite und Großzügigkeit. Schroffe Felsen stehen dem aber als Kontrast entgegen und verstärken diese Wirkung. Der Weg führt weiter durch eine Felslandschaft, die fast eine Bedrohlichkeit ausstrahlt, was gewollt ist. Doch auch heitere Szenen sind als Kontrastprogramm eingebaut. Vor allem der Bambus durch Habitus, Farbe und Beschwingtheit schafft diese heiteren Momente. Bedrohliches und Heiteres begegnet uns auch auf dem Weg durchs wirkliche Leben, was der Gang durch die Gartenanlage versinnbildlichen möchte. Mitunter erfüllt ein einzelner Fächerahorn (Acer palmatum) den gleichen Zweck, wie der Bambus.

Hier und da finden sich wiederum Steinlaternen. Diese stammen eigentlich aus den buddhistischen Tempelgärten und sind Schmuck und Symbol für etwas Heiliges, und für ein Gefühl von Pietät. Hier im Garten betonen sie einen besonderen Platz und lenken die Blicke auf romantische Winkel. Japanische Gärten haben oft das Motiv der Teichlandschaft in der Gartengestaltung zum Inhalt - sei es hier als Naturdarstellung oder im skizzenhaften Stil als geharkte Kiesfläche. Hier in Erfurt ist ein romantischer Naturteich angelegt, welcher dem Meer und der Küstenlandschaft nachempfunden ist. Die in diesem mythischen Meer befindliche Insel verkörpern, wie in den chinesischen Gärten, das Paradies – in welchem sich der Besucher nun auch zweifelsfrei befindet – natürlich als Gartenparadies. Von den unteren Bereichen schauen wir noch einmal die "schroffe Felswand" nach oben und bemerken dort über einem mythischen Wasserfall das Teehaus.

Teehaus Erfurt im Felsengarten

Und wie einige Fische es schaffen, stufenweise in solchen Wasserfällen Stufe für Stufe nach oben zu springen und zu schwimmen - stets gegen den Strom - sieht der Zenmöch dieses Bild als Symbol für sein Leben, welches einem ständigen Aufwärtsstreben gewidmet sein sollte.